Buchkritik: Imagining Numbers

Na ja, so schwer ist es eigentlich nicht, sich Zahlen vorzustellen. 1, 2, 3, das kriegt man schon hin. Aber "particularly the square root of minus fifteen" (so der Untertitel des Buches)? Die meisten werden wissen, daß es Wurzeln aus negativen Zahlen gibt und das man diese Viecher imaginäre Zahlen nennt. Bis zum Abi dürfte man mal Bekanntschaft mit den Gesellen gemacht haben. Mit ihnen zu rechnen ist eigentlich nicht besonders schwer, trotzdem bleiben sie irgendwie mysteriös und ich gebe zu, daß auch ich nie richtig warm geworden bin mit ihnen (brauch ich als Stochastiker auch eigentlich nicht, hö, hö).

Barry Mazur, seines Zeichens Professor für Reine Mathematik in Harvard (ja, man ist unweigerlich schwer beeindruckt), will nun damit aufräumen. Allerdings holt er ziemlich weit aus. Bevor es ans Eingemachte geht, wird erst einmal sehr ausführlich darüber diskutiert, was überhaupt mit "imagining" gemeint ist, und wie man sich Dinge vorstellt. Neben ein paar philosophischen Ausflügen benutzt Mazur vor allem Beispiele aus der Poesie um darzulegen, wie durch Andeutungen eine bestimmte Vorstellung eines Gefühls oder einer Stimmung beim Leser erzeugt wird. Nebenbei wird die Geschichte der imaginären Zahlen erzählt, von ihrem ersten Auftauchen in der Renaissance bis hin zur Gaußschen Zahlenebene, die schließlich benutzt wird, um die imaginären Zahlen anschaulicher zu machen (und die man eigentlich kennenlernen sollte, wenn die Dinger überhaupt eingeführt werden).

Insgesamt ein ziemlich unentschlossenes Buch, dessen Zielgruppe wohl ziemlich klein ist. In erster Linie anscheinend Philosophie- und Literaturprofessoren aus Harvard, die einen Hang zur Mathematik haben. Na gut, vielleicht noch die aus Yale. Für andere Leser bleibt eine interessante Anregung, um sich selber Gedanken über den Zusammenhang zwischen Mathematik und Poesie (den ich niemals bestreiten würde) zu machen, und ansonsten reichlich Ratlosigkeit bzw. Enttäuschung über die mit der Zahlenebene ziemlich unspektakuläre Lösung des gesamten Anschauungsproblems.

Trotzdem werde ich das Buch in guter Erinnerung behalten: Gekauft wurde es nämlich bei Hatchards, Londons ältester Buchhandlung, während meines Sommerurlaubs. Während diese überdimensionierten Waterstone's wie Pilze aus dem Boden sprießen, ist das einfach ein toller Laden. Auf fünf Etagen vollgepackt mit Büchern, total unübersichtlich, mit Wendeltreppe und überall Teppich, ein paar Stühlchen, die mit Opas oder Büchern besetzt waren, und einer vollkommen schrotten Klimaanlage, die innerhalb von einem Kubikmeter Temperaturunterschiede von ca. 20 Grad erzeugen konnte. Und einer überzeugenden Auswahl an "popular mathematics literature". Na gut, eben dieses Buch war halt ein Fehlgriff im Sortiment.

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5 Antworten zu Buchkritik: Imagining Numbers

  1. Sophie schreibt:

    Ich finde, die sogenannten „populärwissenschaftlichen“ Büchern sind sowieso eine Gratwanderung. Die Autoren wollen ziemlich harte Fakten als „jeder kann das ohne jegliche Vorkenntnisse verstehen“ Wissen verkaufen. Manchmal klappt das. Kommt auf das öffentliche Interesse (s. Einstein oder schwarze Löcher!) an und auf den Autor.

    Meistens klappt es aber wohl nicht, weil das Konzept in sich schon nicht stimmig ist. Deshalb sagst du vermutlich auch, es sei ein „unentschlossenes“ Buch. Das ist jedenfalls meine Meinung zu „populärwissenschaftlichen“ Büchern.

  2. Miss Sophie schreibt:

    Eigentlich habe ich ein Faible für „popularwissenschaftliche Mathematik“, im Sinne von angewandter Mathematik, denn „wir wenden täglich Mathematik an (Echo)“. Es gibt sehr gute Bücher wie z.B. die von Simon Singh, unterhaltsame und wirklich gruselig schlechte. Ich habe es mir aber ein bißchen zur Lebensaufgabe gemacht, mich auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu halten. Zur Zeit lese ich „Fooled by Randomness“, wie ich allgemein am liebsten Stochastikkrams lese, zumal ich mich damit immerhin ein bißchen auskenne, und es auf diesem Gebiet wirklich verdammt viele Fallen gibt, in die man treten kann, aber andererseits sehr viele Anwendungsmöglichkeiten.

  3. Elbtoast schreibt:

    Soso, Du denkst also, ich beschenke Dich mit Trivialliteratur!

  4. Miss Sophie schreibt:

    Zwischen „trivial“ und „populärwissenschaftlich“ ist ja noch ein ziemlicher Unterschied. Also, Rosamunde Pilcher ist es nicht gerade. Ich mag das Buch aber ziemlich gerne, zumindestens bis jetzt. Auch wenn ich es zwischendurch wegwerfen wollte, weil der Autor sagt, er würde Einstein und Keynes am meisten bewundern. Während ich zum Schwung ausholte, las ich dann aber weiter, „As for Keynes, to the literate person he is not the political exonomist that tweed-clad leftists love to quote but the author of the magistral, introspective, and potent „Treatise on Probability“.“ Ok, ich hätte auch gewußt, daß er das auch geschrieben hat (bin ich jetzt „literate“?), aber ich wußte ja nicht, ob der Autor das auch wußte. Nun ist aber wieder alles gut.

    Ich freue mich dann aber schon auf das nächste Buch, Toastie!

  5. Pingback: Miss Sophies Blog » Guillermo Martínez: The Oxford Murders

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