„Cryptonomicon“ von Neal Stephenson

Inhalt: Tja, da es wohl schon an ein Jahr her ist, daß ich mir diesen Wälzer zugelegt habe, ist mir der Anfang weitestgehend entfallen. Die ganze Geschichte spielt zu zwei Zeitebenen, einmal zur Zeit des zweiten Weltkrieges und einmal ungefähr zur Gegenwart. Im Früher sind die Helden ein brillanter Mathematiker, der in Bletchley Park die Codes der Deutschen und Japaner knacken soll, und ein draufgängerischer US-Soldat, der ständig in irgendwelche Himmelfahrtskommandos hineingerät. Es geht also um Codes und um einen riesigen Batzen Gold, der von den Japanern irgendwo im Dschungel versteckt wird. Im Jetzt werden dann der Enkel des Mathematikers und der Sohn des Soldaten aktiv. Ersterer ist ein Computerfreak, der mit seinen New-Economy-Freak-Kumpeln eine Art Datenhafen bauen will (keine Ahnung, was das eigentlich so genau werden sollte), letzterer ist ein alter Haudegen mit einer hübschen Tochter. Jedenfalls kriegen die beiden Wind von der Geschichte mit dem verbuddelten Gold und wollen es ausbuddeln.

Kritik: Dies ist eines der Bücher, die man nur lieben oder hassen kann. Leider trafen bei mir die frühe Einsicht, daß ich eigentlich zur zweiten Gruppe gehörte, und meine etwas verbohrte Einstellung, ein einmal begonnenes Buch auch zuende zu lesen, aufeinander. Charakteristisch an dem Buch ist, daß die eigentliche Handlung sich in den wenigen Sätzen oben zusammenfassen läßt. Was die knapp 1200 Seiten dann trotzdem füllt, sind Ausflüge der unterschiedlichsten Art. Dabei gibt es jede Menge Kriegsstories und auch allerlei Technikexkurse. Wer jedoch auf besonders viel Kryptographie hofft, wird eher enttäuscht. Da ist noch der Anhang am lustigsten, in dem irgendein eher verwirrter selbsternannter Krypto-Experte ein ganz tolles Verschlüsselungssystem vorstellt, für das man lediglich ein gesamtes Kartenspiel (das in einer bestimmten Reihenfolge gemischt sein muß), mit sich herumführen und seinem Kommunikationspartner übergeben muß. Unauffälliger geht's wohl kaum. Zum Ver- und Entschlüsseln muß man dann auch bloß den ganzen Abend lang so eine Art Solitaire mit dem Ding spielen. Interessant auch, daß in diesem Anhang erstaunlich oft das Wort "Geheimpolizei" auftaucht. Wer meint, daß ihm das was hilft, dem gefällt dann sicher auch das restliche Buch. Allen anderen sei ein ganz einfacher Rat gegeben: Bei irgendwem das Buch ausleihen. In Frage kommende Personen findet man gewiss in Stellingen am Fachbereich Informatik, im Rechenzentrum oder auf Parkbänken. Dann das Kapitel suchen, in dem Randy (das ist den Computer-Freak-Enkel) die Weisheitszähne gezogen werden. Das ist ziemlich gut. Aber es lohnt auch nicht, alles dafür zu lesen. Wer jetzt gerade keinen Kandidaten kennt, bei dem er das Buch schnorren könnte: Es scheint so ein bißchen public domain zu sein. Wenn man zumindestens nach dem Titel und, sagen wir, "teeth" googelt, findet man das entsprechende Kapitel einfach so im Netz. Ob das wer abgetippt hat? 1170 Seiten??? Ich finde diese Freaks so ein klein wenig unheimlich.

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10 Antworten zu „Cryptonomicon“ von Neal Stephenson

  1. Sophie schreibt:

    Das ist ungefähr das, was ich bisher auch über das Buch gehört hatte: Man liebt es oder hasst es. Ich steh nicht auf so Sachen.

    Ich lese grundsätzlich keine Bücher mit mehr als 500 Seiten (ich glaub, der da Vinci Code war ne Ausnahme, der war dicker), weil ich es leider nicht mehr beherrsche, genüsslich zu lesen. Ich muss wissen, wie es weitergeht. Ich muss das Ende wissen. Es ist schrecklich, früher hat man um des Lesens Willen gelesen, heute lese ich wegen der Story. Vielleicht sollte ich einfach mal wieder ein richtig gutes Buch lesen. Vielleicht sollte man die Finger von diesen Schnelllesetechniken lassen.

  2. Janosch schreibt:

    Dank verschwoererischer Geheimdienste und glorioser Kriegsgeschichten wirkt die Kryptologie wie eine phantastische unermessliche Quelle an spannenden Geschichten voller genialer Helden, die mal wieder die Welt retten muessen, koennen, wollen und am Ende damit auch noch durchkommen.

    Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren die Unterhaltungsliteratur, die sich bei diesem Thema bedient, stark zugenommen hat. Das liegt zum einen wahrscheinlich daran, dass die Kryptologie sich heute gut verkaufen laesst, weil man meinen koennte, dass sie alle etwas angeht, denn schliesslich startet heute ohne Kryptographie kein Auto mehr, klingelt kein Telephon und nicht mal Geld bekommt man ohne seine Pin, die als paradoxerweise eine sehr kleine Zahl sehr grosse Zahlen schuetzt, die wiederum verhaeltnismaessig kleine Zahlen (den Kontostand) schuetzen. Zum anderen liegt es vielleicht auch daran, dass sich der heutigen Mediengesellschaft fast jede abstruse Geschichte verkaufen laesst und sich seit geraumer Zeit auch der zweite Weltkrieg sehr gut vermedialisieren laesst, schliesslich husten die letzen Zeitzeugen dieser gruseligen Zeit uns in diesen Augenblicken ihre letzten Atemzuege entgegen. Es ist deshalb wohl nur eine Frage der Zeit, wann die ersten gloriosen Geschichten von braunen Kryptoanalytikern erzaehlt werden. Oder haben die Nazis ihre Aktivitaeten auf diesem Gebiet einfach nur zu gut geheimgehalten?

    Lange Rede, wenig Sinn: die Kryptologie war, ist und bleibt Mathematik und als solche war, ist und bleibt sie nur spannend fuer ein paar Eingeweihte (und dies gewiss aus anderen Gruenden als den Umstaenden). Sie ist zaeh und selbst unter Kriegsbedingungen haben signifikante Fortschritte trotz intensivster Bemuehungen teilweise jahrelang auf sich warten lassen. Auf dieser Grundlage eine spannende Geschichte zu erzaehlen ist wahrscheinlich fast so schwer wie eine spannende Geschichte der Mathematik zu erzaehlen. Dabei auch noch etwas Kryptologie zu vermitteln ist vermutlich unmoeglich, genauso wie es unmoeglich ist, einem Laien den Beweis der Fermatschen Vermutung verstaendlich zu machen.

    So glorios wie man vielleicht meinen koennte ist die Geschichte Kryptologie auch nach Jahrhunderten der Forschung nicht. Selbst heute sind die wichtigsten Fragen immer noch offen. Niemand kann genau sagen, wie sicher unsere EC-Karten wirklich sind. Das einzige was wir wissen, ist wie unsicher sie mindestens sind…

    …eine erwaehnenswerte Errungenschaft gibt es aber dennoch: kluge Koepfe haben sich ueberlegt, wie man ohne reale Karten mental Pokern kann, auch das ist Kryptographie. Das funktioniert (theoretisch) tatsaechlich und am Ende kann man sogar beweisen, ob jemand betrogen hat oder ob nicht. Mentales Pokern ist damit sogar sicherer als das Pokern mit echten Karten. Aber eine spannende Geschichte ist auch das leider nicht.

  3. Miss Sophie schreibt:

    Ich halte es keineswegs für unmöglich, ein spannendes Buch über Kryptographie zu schreiben, schließlich ist es Simon Singh gelungen, auch wenn „Geheime Botschaften“ kein Roman ist. Sicherlich kaufen sich solche Bücher überwiegend Mathematik-Interessierte, aber man muß keineswegs mehrere Semester lang Zahlentheorie gehört haben, um seinen Spaß an Singh zu haben. Gleiches gilt für „Fermats letzter Satz“.
    Bemerkenswert an Kryptographie ist in meinen Augen einfach, daß sie so viele Wirrköpfe in ihren Bann zieht. Das gilt für andere Bereiche der Mathematik auch, findet dann aber kein so großes Publikum. So gab es vor ein paar Jahren noch einen Typen, der vor dem Geomatikum selbstgedruckte Flyer verteilte mit dem Aufdruck „Pi ist rational“ und so einer Art Beweis dafür.
    Ein Buch wie Cryptonomicon wird sicher auch von vielen klardenkenden Personen geliebt, die einfach einen anderen Humor haben als ich (von den Weisheitszähnen mal abgesehen) und das Episodenhafte mögen. Ich mag es eigentlich auch lieber, wenn man eine Story erzählt. Andererseits habe ich jetzt gerade „Die Vermessung der Welt“ angelesen, und das könnte mir auch gut gefallen, obwohl die Story ebenfalls nicht so im Vordergrund steht. Aber hier wird mein Humor eben besser getroffen.
    Was dann andererseits zu einem regelrechten Hype um ein solches Buch beiträgt, sind dann aber die zahllosen Seiten im Internet, in denen sich solche Wirrköpfe zusammenrotten können.

  4. Janosch schreibt:

    Sicher spricht dieses Genre Mathematik-Interessierte an. Aber ob die Angesprochenen auch auf ihre Kosten kommen, das weiss ich nicht. Ich fuerchte, dass die Spinner diejenigen sind, die am meisten von dieser Literatur profitieren, da sie in der Pseudo-Tiefe und der daraus resultierenden Flachheit (Ungenauigkeit und Unvollstaendigkeit) dieser Werke einen idealen Naehrboden fuer wirre Gedanken finden. Die Fruechte ihrer befallenen Gehirne verteilen die Betroffenen nicht nur per Flyer, sondern sie verschicken sie oft auch nahezu an die gesamte (nationale) Fachwelt, in der (verzweifelten?) Hoffnung, irgendwo irgendjemanden zu finden, der ihren meist wirren Gedanken irgendetwas positives abgewinnen kann. Interessant finde ich, dass meineswissens ausschliesslich Maenner zu solchen Aktionen faehig sind. Frauen scheinen in natuerlicher Weise, da sie sich selbst im Gegensatz zu Maennern tendentiell eher unterschaetzen, dagegen immun zu sein.

    Wie auch immer, Simon Singh ist ein guter Autor, aber selbst seine Buecher sind fuer ernsthaft Mathematik-Interessierte vielleicht nur ganz am Anfang ihres Interesses interessant. Diejenigen, die ihn lesen, bevor sie ueberhaupt mit ernsthafter Mathematik in Beruehrung kommen, beeinflusst er vermutlich am meisten. Es gelingt ihm in „Fermats letzter Satz“, ohne Mathematik zu verwenden, zu erklaeren was Mathematik eigentlich ist. Meiner Erfahrung nach haben fast alle angehenden Studenten, selbst ehemalige Mathe-LK-ler und Mathematik-Interessierte, keine korrekte Vorstellung davon, was Mathematik wirklich ist. Sein groesster Verdienst ist es in meinen Augen daher, diese chronische (deutsche) Bildungsluecke ein Stueckchen weiter geschlossen zu haben.

    Andererseits bin ich persoenlich gegen die Popularisierung von Wissenschaft anhand eines einzelnen Aufhaengers (bei Singh bspw. „Fermats letzter Satz“). Unsere Gesellschaft verlangt zwar nach solchen Aufhaengern, genauso wie sie es verlangt die CDU auf Angela Merkel, den Fussball auf Juergen-Klinsmann und die Formel-1 auf Michael Schumacher zu reduzieren. Dass man bei diversen Sportarten der Verlust durch solche Banalisierungen nicht sehr gross ist, macht dieses Grundbeduerfnis aber nicht besser. Spaetestens bei der Politik sollte es gerade den Deutschen klar werden, dass es gefaehrlich ist, Parteien oder Regierungen auf eine einzige Person zu reduzieren.

    Simon Singh hat in „Fermats letzter Satz“ zwar die Schicksale einiger Mathematiker gestreift und versucht, mehr Mathematik darzustellen als nur die Fermats oder die von Wiles. Aber aus Sicht meiner Augen hat er die juengere Geschichte der algebraischen Geometrie und Zahlentheorie grob vernachlaessigt und gerade hier sind in den letzten 100 Jahren die groessten und bedeutendsten Fortschritte (gerade in Bezug auf Fermat) ueberhaupt (d.h. nach Gauss) gemacht worden. Ich muss zugeben, dass meine Lektuere dieses Buches inzwischen einige Jahre zurueckliegt, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass er Jean-Pierre Serre erwaehnt hat oder ueberhaupt einen Repraesentanten der grossen franzoesischen Schule um Grothendieck und ihn. Vielleicht irre ich mich auch, aber so viel Platz wie Ribet oder Wiles hat er Serre nicht eingeraeumt und Serres direkten Beitrag zu Wiles Arbeit wuerde ich persoenlich sogar hoeher bewerten als die aller anderen Beteiligten, selbst als den von Wiles selbst. Gerade in Anbetracht dieser Situation fand ich manchen Kommentar, bspw. den auf Ribets Kaffeekraenzchen, „Es gibt nur wenige Mathematiker auf der Welt, die bei einer Tasse Kaffee zu einer Struktur ein gamma_0 hinzufuegen koennen.“ ueberfluessig. Aber das ist, wie fast alles, Geschmackssache…

    (eigentlich sollte dieser Beitrag mal wieder nicht so lange werden wie er wurde)

  5. Flominator schreibt:

    Ich fand das Buch eigentlich auch recht gelungen, aber wahrscheinlich entspreche ich auch genau der Zielgruppe 😉

    Ich versuche gerade, die Handlung für Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Cryptonomicon) zusammenzufassen, scheitere aber am Grund, warum die Verschwörer von Schweden auf die Philipinen aufbrechen, um das Gold zu bergen, bzw. an der Frage, woher sie vom Gold wissen?

    Hat jmd. von euch da vielleicht eine Idee zu?

    Vielen Dank im Voraus,

    Flo

  6. Miss Sophie schreibt:

    Aha, Zielgruppe: Also Informatikstudent oder Penner ;-)? Also, um auf Deine Frage zurückzukommen: Ich weiß noch, daß die in Schweden waren, ich weiß auch, daß die dann da wech sind. Ich möchte bezweifeln, daß es einen Grund gab. Am wahrscheinlichsten scheint mir zu sein, daß der der irre deutsche Kapitän was davon erzählt hat. Oder hatte Enoch Root da schon Wind von der Geschichte? Also, eine von beiden Alternativen. Vielleicht.

  7. Flominator schreibt:

    Eher Informatikstudent, wobei da in ein paar Jahren die Grenzen wohl fließend werden könnten. Ich fange an, mich so langsam zu erinnern: Shaftoe hat doch das deutsche U-Boot mit dem chinesischen Gold gesehen, dass wohl für das Lager auf der Insel gedacht war. Wenn Root es gewüsst hätte: Woher?

    Wo wir aber gerade schon bei Krypologiebüchern aus dem zweiten Weltkrieg sind: Hat jemand Enigma von Harris gelesen? Spielt komplett in Bletchley Park und hat einen wesentlich niedrigeren Nerd-Faktor 🙂

  8. Miss Sophie schreibt:

    Woher? Keine Ahnung. Mit linearer Logik scheint mir auch nicht viel auszurichten zu sein bei dem Buch. Dazu waren mir die „Und nu schreib ich einfach mal 30 Seiten was über Van-Eck-Phreaking“-Passagen zu lang. Von Enigma kenn ich nur die Verfilmung mit Kate Winslet und die hat mir recht gut gefallen. Das muß toll gewesen sein in Bletchley Park!

  9. Flominator schreibt:

    Ich stelle mir das nicht so toll vor in Bletchley Park. Immerhin war Krieg und alles wichtige war knapp. Außerdem haben viele Leute einzelne Arbeiten erledigt und hatten eigentlich keine Ahnung, ob es zu irgendwas gut ist (wegen der Geheimhaltung).

    Ich war gerade doch ein wenig schockiert, als ich auf http://de.wikipedia.org/wiki/Van-Eck-Phreaking feststellen musste, dass es sich (im Gegensatz zu HuffDuff) wirklich um eine existierende Technik zu handeln scheint.

  10. Miss Sophie schreibt:

    Ja, also wenn schon Krieg, dann in Bletchley Park, so war das gemeint. Sachen zu tun, von denen man keine Ahnung hat, ob es zu irgendwas gut ist, scheint mir als Mathematiker das normalste auf der Welt. 🙂

    War HuffDuff nicht einfach: Wir empfangen ein Signal an drei Punkten und können dann dessen Quelle bestimmen? Von allen Methoden war das die einzige, die ich halbwegs nachvollziehen konnte. Und die wird nicht benutzt? Menno! Vielleicht war nur die Abkürzung ungewöhnlich.

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