Goldene Konfirmation – Teil II: Praxis

Heute war also der große Tag für meine Mama. Um kurz vor neun (ich lag noch im Bett) wurde abgeschwirrt, um sich die besten Plätze in der Kirche zu sichern. Um 10 nach neun (ich war eigentlich noch im Badezimmer), klingelte es das erste Mal und ein junger Bursche streckte mir eine kunstvoll verpackte Mettwurst entgegen. Das war dann eigentlich auch das praktischte Geschenk. Von da an bis ca. mittags klingelte es ununterbrochen, ein Zentner Schokolade wurde unters Volk gebracht und das kam dabei heraus:

goldenekonfi (click to enlarge, wie es so schön heißt)
So viel kriegen andere noch nicht mal zur Hochzeit geschenkt. Wir haben nun jedenfalls genug Blümchen für die nächsten Wochen und können uns für 35 Euro richtig fett Kerzen oder Gäste-WC-Handtücher in Magda Lahanns Geschenke-Stübchen kaufen. Immerhin kam Freude auf bei dem Geschenk, das meiner Mutter von uns Kinder überreicht wurde, nämlich einer Gartenbank

bank1

Das goldene Teil an ihrem Anzug sieht ein bißchen so aus, als hätte sich meine Mama in der Dekoration verheddert, aber das muß angeblich so. Die Feierlichkeiten in der Kirche sollen jedenfalls sehr erbauend gewesen sein und danach gab es für alle noch Kaffee und Kuchen bis zum Abwinken. Zahlen wir dafür Kirchensteuern?

Nachdem immer noch nach und nach verwirrte kleine Kinder eintrafen, denen man die Karte aus der Hand reißen mußte, weil sie erst beim Anblick der Schokolade den Sinn ihres Tuns begriffen, bzw. ihn dann auch sofort wieder verrgaßen. Ein Butscher fing dann auch prompt an zu meckern: "Ist das alles mit Nuß?" "Nein", sagte ich freundlich, "hier ist auch was mit Knusperflakes. Das ist wir Corn Flakes". Muß man diesen markengeilen Biestern doch erklären. Er nahm dann eine Tafel mit Nuß und die mit Knusperflakes in je eine Hand, wog sie bedächtig hin und her, um dann zu sagen: "Ich nehm beide!" Mir flog die Kinnlade runter. Ich hätte ihm eine gescheuert, wäre er nicht von einer Verwandten gefahren worden, die in Sichtweite stand, also rettete ich die Situation, indem ich darau hinwies, er hätte ja auch zwei Geschenke gebracht. Wie wird unser Land noch mal enden? Schlimm, sowas!
Daß ich mich weigerte, mit Leuten zu quatschen, die ich nicht kannte oder die ich blöd fand, wurde zum Glück dadurch kompensiert, daß unser Nachbar eine Art Auffanglager bildete. Er stand im Garten rum und klönte dann mit den Leuten, denen ich die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Der beste Nachbar der Welt, echt!

Das Essen heute war dann immerhin ziemlich lecker und zum Glück ließen sich Kontakte mit redseligen alten Leuten vermeiden, da meine Geschwister und ich einen Tisch für uns hatten. Dafür wurde ich immerhin ganz zu Anfang von einer Freundin meiner Mutter mit den Worten "Du bist viel zu dünn" begrüßt, nur um ihre Hände Sekunden später an meiner Taille und meinem Hintern wiederzufinden. Hallo? Danach wurden dann aber immerhin die Pfoten von mir gelassen. Außerdem wurden sämtliche Fragen nach meinem Privatleben und meiner Kinderplanung ausgespart und alle hatten einen netten Abend, der dann auch zumindestens für mich ein vergleichsweise frühes Ende fand. Später wird dann aber noch mal das Telefon klingeln und ich darf meine alten Herrschaften wieder einsammeln, mitsamt noch mehr Geschenken. Hoffentlich können sie sich noch benehmen auf der Rückfahrt.

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4 Antworten zu Goldene Konfirmation – Teil II: Praxis

  1. Sophie schreibt:

    Fette Party, würd ich mal sagen!

    Über die Blagen will ich mich nicht schon wieder aufregen. Da sind wir uns voll und ganz einig. Und sympathisch finde ich, dass du scheinbar auch keine Lust verspürst, nett zu Leuten zu sein, die nicht kennst oder magst (was gern mal dasselbe sein kann). So geht’s mir auch. Aber ich hab da einen Trick entwickelt, falls es deswegen mal Stunk gibt (kommt vor), weil ich gute Bekannte der Familie arrogant abgebügelt hab. Der Trick ist: Man muss sich vorstellen, dass man einer ganz alten Adels-Familie angehört, und die muss man repräsentieren. Man ist den anderen meilenweit überlegen, und das wissen die auch, aber die spielen halt nicht in der eigenen Liga, deshalb muss man nachsichtig sein, wenn sie dreist oder doof sind. So ähnlich wie wenn man auf ner Messe Standbetreuung macht (weiß nicht, ob du das schon mal gemacht hast). Die Leute sind dreist und wollen alles Mögliche (und das alles umsonst), aber man repräsentiert ein Unternehmen und nicht sich selbst und muss deswegen höflich und verbindlich, aber bestimmt bleiben.

    Andererseits weiß ich nicht, wie empfehlenswert meine Flucht-in-die-Fantasiewelt-Tipps sind, denn ich stelle mir sogar beim Erstellen oder Aufbereiten langweiliger Excel-Tabellen vor, dass ich eine Geheimagentin bin und diese Daten unbedingt für die nationale Sicherheit auswerten muss. Hilft aber zeitweise. Mir wenigstens.

  2. Sophie schreibt:

    Ach ja: Nette Kategorie, „Provinznotizen“ 😉

  3. Miss Sophie schreibt:

    Mein Eltern haben sogar alleine nach Hause gefunden, bzw. mit der Hilfe des besten Nachbarn der Welt.

    Das mit der Adelsfamilie klingt nach einer total guten Idee. Ich weiß nicht, ob es mir wirklich hilft, netter zu sein, aber es fällt mir garantiert leicht, mir vorzustellen, daß die alle dreist und doof sind und ich ihnen total überlegen bin. Standbetreuung habe ich noch nie gemacht, aber ich mußte ja früher bei meinen Eltern auf dem Wochenmarktstand arbeiten und da mußte ich ja auch irgendwie unser Unternehmen repräsentieren. Das wurde nach der fünften Stunde anstrengend, aber an sich ist es wirklich eine gute Einstellung.
    Und das mit den Excel-Tabellen probiere ich demnächst auch gleich mal aus!

  4. Sophie schreibt:

    Freut mich, wenn ich helfen konnte (das stimmt auch nicht so unbedingt… 😉 )

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