Bling Bling

Heute im ÖPNV sind mir zwei Erkenntnisse gekommen. Erstens, daß ich morgens demnächst eine frühere S-Bahn erwischen muß. Nach bisherigem Zeitplan teile ich mir immer ein Abteil mit einer Mutter einer ehemaligen Klassenkameradin, die mich fertigmacht. Sie textet mich bis Hauptbahnhof voll mit dem phantastischen Leben ihrer phantastischen Töchter, die alle total irre Sachen studieren und alle Freunde / Verlobte haben, die noch viel irrere Sachen machen. Z.B. stellvertretender Geschäftsführer bei „Neun live“ (von mir stets liebevoll „Scheiße hoch neun“ genannt) sind und denen nebenbei halb Braunschweig gehört. Oder so. Toll. Oder Neurologie und Marinewissenschaften studieren. Wie praktisch: Endlich wissen, was in Tintenfischen vorgeht. Im Nachhinein ist es natürlich fast unterhaltsam, aber wenn man das erzählt bekommt, darf man ja nicht lachen.

Also demnächst früher aufstehen. Zweite Erkenntnis heute in der U-Bahn, als ein Trupp junger Burschen das Abteil entert, sich erstmal einen Joint anzündet und dabei einen Blick auf die Ohrläppchen freigibt. Was blinkt denn dort? Ein neuer, grauslicher Trend. Hat wohl was mit Hip-Hop und so zu tun und die alberne Kriegs-Behängung heißt im Fachjargon „Bling Bling“. Vorgemacht wird es von diversen Hip-Hoppern und natürlich – Fußballern:
blingbling
Da hätten wir links den Herrn Ronaldo, also den von Portugal. Keine Ahnung, was die Mädels so an ihm finden, sieht doch total minderjährig aus. Seine Freundin ist übrigens doppelt so alt wie er, also keine Chance, ihr kleinen Mädchen. Rechts haben wir den Herrn Beckham. (Gaaanz viele tolle Bilder gibt’s übrigens auf www.soccergirlz.de.)
Besonders albern wird’s übrigens, wenn der Herr Ronaldo sich die Öhrchen abklebt beim Spiel (Man könnte die Dinger natürlich auch einfach rausnehmen, aber so ein Loch ist andererseits auch einfach ruck zuck wieder zugewachsen. Klar. Oder nimmt er sie raus und hat nur Angst, daß jemand in den Löchern hängenbleibt??)

Jedenfalls sieht das bei den beiden blöd aus. Und auch bei Nelly, Usher und 50 Cent. Aber immerhin sind das bei denen noch echte Brillis, die da blinken. Die Peinlichkeit läßt sich jedoch noch sehr effektiv steigern, wenn fahle Plastik-Klumpen das Ohr zieren. Herrgottnochmal, ihr jungen Burschen, meint ihr wirklich, daß ihr mit sowas sexy ausseht?

Nehmt Euch ein Beispiel an den paar Erwachsenen, die auch noch bei der WM mitspielen, wie z.B. Herrn Figo (Dank an Sophie, die mich auf den rechten Weg geführt hat). Würde der mit sowas rumlaufen? Oder Christoph Metzelder? Und der Wicky von den Schweizern ist auch nicht übel. Richtige Männer! Ohne Glitzerkram.

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12 Antworten zu Bling Bling

  1. Annkari schreibt:

    Da lobe ich mir doch meinen mp3-Player, der die meisten Leute von unerwünschten Kommunikationsversuchen abhält. 😉

  2. Miss Sophie schreibt:

    Den hatte ich ja auch anfangs noch in den Öhrchen, hab ihn dann aber rausgenommen. Ich bin einfach zu höflich und buddel mir damit nur mein eigenes Grab.

  3. Sophie schreibt:

    Ich dachte immer, ich bin die einzige, der solche Vorträge von und über Leute(n), die mir eigentlich egal sind, sehr nahe gehen. Bei mir liegt das aber leider an leicht hervorrufbaren und ausgeprägten Neidgefühlen. Ich versuche derzeit, Methoden zu finden, mir das abzugewöhnen. Ich habe mir eine Affirmation überlegt, die ich von Zeit zu Zeit halblaut zu mir selbst sage: „Ich muss mich nicht nach dem richten, was andere denken.“ Hilft nicht, hört sich doch aber so an als ob.

    Meine Großmutter hat mich erst heute wieder gelobt, weil ich „nicht immer so Kerls anschleppe“ wie meine Schwestern früher. Toll.

    Danke für die Erwähnung! Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dich zu einer Jüngerin Figos missioniert zu haben. Und dass es noch Frauen gibt, die auf „echte Männer“ stehen. 😉

  4. Miss Sophie schreibt:

    Meine Oma fand meinen Klamottengeschmack früher immer ganz toll…
    Meine ältere Schwester hat es aber auch etwas mehr krachen lassen als ich.

    Aber auf einen Scheiße-hoch-neun-Verlobten muß man doch nicht neidisch sein, oder? Die Leute, die es verdient haben, daß man auf sie neidisch ist, geben damit nämlich nicht an. Mich hat eigentlich eher genervt, wie toll sie selber das alles fand und wie sie mit ihren Töchtern so angegeben hat. Und sie hat auch gar nicht interessiert, was ich so dazu beitragen konnte (na gut, war auch nicht viel…). Wenn sich Leute zu einem setzen, um sich zu unterhalten und nur jemanden suchen, vor dem sie toll dastehen können, nervt mich das immer sehr. Ich muß mir noch mal tolle Strategien ausdenken, um subversiv zurückzugiften. Also so, daß ich mich gut fühle, und mein Gegebnüber gar nicht merkt, wie es verarscht wird.

  5. Sophie schreibt:

    Man muss nicht neidisch sein, weil es eigentlich nicht das ist, was man selbst haben möchte. Auf die „normale“ Umwelt wirkt das aber durchaus erstrebenswert. Was mir am meisten zu schaffen macht, ist , dass die durchschnittlichen Menschen eben ein gewisses Bild von erstrebenswert/nicht erstrebenswert haben, das sich nicht mit meinem deckt. Also selbst wenn ich etwas für mich Erstrebenswertes erlange, finden das die meisten Menschen wahrscheinlich eher doof, peinlich, unzureichend oder einfach langweilig. DAS nervt mich. Andererseits sollte es mir einfach egal sein, was andere toll finden. Aber irgendwie geht das nicht (womit wir wieder bei Sartre wären).

    Und während ich moralisch und gesellschaftlich VERPFLICHTET bin, solchen Leuten, die von den Verlobten ihrer Töchter erzählen, zu sagen: „Ja, super, das ist ganz toll!“, gilt der Umkehrschluss nicht. Wenn ich meinetwegen eine tolle Kunstausstellung allein besucht habe (beispielsweise…) und das begeistert erzähle, werden die Leute unsensibel ihre Meinung kundtun: „Alleine? Mit so modernem Gekritzel? Voll ätzend.“ DAS nervt mich. Ich weiß, dass ich Recht damit habe, das zu tun, was mit gefällt, und nicht das, was den Maßstäben irgendwelcher Leute unterliegt, aber es nützt mir nichts. Warum kann ich dieselbe oberflächliche, aber höfliche Anteilnahme nicht auch von den anderen erwarten?

    Sorry für den Exkurs, aber das ist einfach das Thema, über das ich mich schon mein halbes Leben aufrege….

  6. Miss Sophie schreibt:

    Zum Aufbauen könnte man sich sagen, daß Leute häufig abfällige Bemerkungen machen, wenn sie davon ausgehen, daß derjenige es verkraftet. Ich finde, man neigt dann irgendwann leider selber dazu, seine netten Ereignisse nicht besonders aufregend zu finden, vielleicht liefert das die ein oder andere Steilvorlage…
    Mich hat das vor allem beim Kino früher genervt. Ich bin früher ziemlich oft alleine ins Kino gegangen. Mittlerweile gehe überhaupt nicht mehr so oft ins Kino, aber ich finde das immer noch nicht schlimm. Meine Mutter fand das immer total schräg. Wenn ich nun sage, ich gehe ins Kino, kommt nie eine Frage nach dem Film (weder welcher es war noch wie er war oder sonstwas), sondern immer: „Allein?“ Das kann schon nerven. Meine Geschwister denken wahrscheinlich, daß ich ein etwas schräges Dasein führe, aber sie sind der Meinung, daß ich andere Qualitäten habe (z.B. halten sie mich für wahnsinnig intelligent, weil ich Mathe studiere 😉 ). Das ist eigentlich ganz angenehm. Ansonsten ist unsere Familie zum Glück nicht so groß und mit guten Freunden ist das natürlich sowieso kein Problem.

    Man müßte einfach ein bißchen mehr mit einer „Warum denn nicht?“-Attitüde da ran gehen. Wenn jemand keinen Spaß an moderner Kunst hat, dann ist das ja wohl sein Problem und es gibt eine Sache weniger, die ihn erfreuen kann. Wenn man Museen, Filme und Musik nur schön findet, wenn man das mindestens zu zweit genießt, hat man sowieso etwas grundlegendes falsch verstanden beim Kunstgenuß.

  7. Sophie schreibt:

    Das war großartig! Erstens kommt mir das alles sehr bekannt vor, und zweitens hast du völlig Recht und eine sehr gesunde Sichtweise. 🙂

  8. Ratilius schreibt:

    Wenn mir jemand gestehen würde an der Volksverdummung im Fernsehen (machen die immer noch die narrensicheren Ratespiele?)
    beteiligt zu sein oder gar damit sein täglich Brot zu verdienen, würde ich Mitleid bekunden.

    Solange ihr Freund noch nicht durch einen wasserdichten Pakt oder einen Ring geknechtet ist, ist das Rennen eh noch (nach unten oder oben?) offen 🙂

  9. Miss Sophie schreibt:

    Ihm gehört ja auch noch halb Braunschweig, vielleicht ist das das tolle daran. Geheiratet wird nach dem Examen, bis dahin ist er natürlich vielleicht auch bei einem ordentlichen Sender angekommen. Oder sie findet einen, der bei RTL arbeitet.

  10. Sophie schreibt:

    Und dann erzählt dir die Mutter: Ich weiß gar nicht, wieso unsere Sowieso studiert hat und wir sie die ganze Zeit unterstützt haben, wenn sie jetzt eh geheiratet hat und schwanger ist… Aber wenigstens hat sie einen guten Mann abgekriegt (Lieblingswort…)

    Und fünf Jahre später: Ja, Sowieso wohnt jetzt wieder zu Hause. Mit den beiden Kindern und der Pause gleich nach dem Studium bekommt sie ja keinen Job, und als Putzfrau ist sie überqualifiziert…

    Oh, böse Gehässigkeit. Ich werde sie noch ablegen. Aber nicht gerade jetzt. 🙂

  11. Ratilius schreibt:

    Dann hat er also 120.000 Leibeigene.

    Es gibt Studien wonach das Studium auch als Heiratsmarkt fungiert, weil frau dort wohl bessere Karten hat einen „guten Mann“ zu fangen als in der Dorfkneipe.

    Wobei meines Erachtens nach die Naturwissenschaften eine Sonderwirtschaftszone mit gelegentlichem Marktversagen sind.
    (=>Die böse Gehässigkeit ist ansteckend)

  12. Miss Sophie schreibt:

    Wobei meines Erachtens nach die Naturwissenschaften eine Sonderwirtschaftszone mit gelegentlichem Marktversagen sind.

    Spruch des Tages! 🙂

  13. Ratilius schreibt:

    Hurra! – Spruch des Tages – ich suche noch einen würdigen Stellplatz für die Auszeichnung auf meinem Schreibtisch

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