Gedanken zum Tag

Besser gesagt: Zu dem Tag, der eigentlich der Tag meiner Diplomarbeitsabgabe sein sollte. Kam dann nicht ganz so. Passiert ist auch nichts schlimmes, Drucke wurden rechtzeitig fertig und ich stand um kurz vor zwölf vor meinem tollen Prüfungsamt. Von dem ich seit dem ersten Semester weiß, daß es dienstags, mittwochs und donnerstags auf hat. Was auch stimmt. Bis auf die Zeiten natürlich, in denen die Prüfungstante im Urlaub ist. Dann ist es immerhin nicht ganz geschlossen, aber nur dienstags und donnerstags geöffnet. Toll! Ich habe mich nun entschlossen, die Abgabe geistig vollzogen zu haben. D.h. ich denke nicht mehr darüber nach und mache auch auf keinen Fall den Fehler, nochmal einen Blick in mein Exemplar zu werfen. Der körperliche Akt der Abgabe morgen ist dann nur noch reine Formsache. Ommmmmm.

Ich verspürte heute tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben das Bedürfnis, mich zu betrinken. Einfach, um nicht mehr an die Arbeit zu denken. Es ist nicht, daß ich sie für besonders unterirdisch halte, aber was genau am Ende auf dem Diplomzeugnis stehen wird ist ziemlich offen. Für mich jedenfalls. Der Impuls verschwand dann aber auch wieder so schnell wie er gekommen war. Euphorie löst so eine Abgabe jedenfalls nicht per se aus. Ich finde es aber auch grundsätzlich doof, wenn Dinge zuende gehen. Mit Ausnahme von Schnupfen und Durchfall vielleicht. Aber ansonsten bin ich Gewohnheitstier und Dinge sollten nicht einfach zu Ende gehen.

Was mich heute doch sehr nachdenklich stimmte war eine Momentaufnahme der heutigen Jugend, hoffentlich eine verzerrte, deren Zeuge ich wurde. Ich warte auf den Bus am Dammtorbahnhof, als sich zwei so richtige Proll-Tusen nähern. Nun sehe ich ein, daß vielleicht nicht jedes junge Mädchen Liebreiz und Anmut ausstrahlen möchte, aber diese bebomberjackten Exemplare waren schon eine Nummer für sich. An der Haltestelle angekommen, war die eine schon damit beschäftigt, lautstark auf ihre Freundin (?) zu schimpfen, da diese wohl behauptet hatte, sie müßten nur eine Station fahren, was dann nicht stimmte und zu übelsten Beschimpfungen auf beiden Seiten führte, die fast in eine Schlägerei ausarteten. Im Bus angekommen setzten sie sich natürlich auf die Bank ganz hinten (einige Dinge ändern sich nie. Erinnern sich meine Leser noch, als man in der Grundschule in der vierten Klasse war und damit zu den „Großen“ gehörte, die sich immer ganz nach hinten setzten?) und ich konnte ihnen weiterhin lauschen. Die erste Station wurde durchgesagt: Staats- und Universitätsbibliothek. „Willste ’n Buch ausleihen?“ „Hä?“ „Na, Bibliothek, da kann man Bücher ausleihen.“ „Echt? Ich war noch nie in einer Bibliothek – kenn ich jetzt nur aus dem Fernsehen.“

as seen on tv – das wäre doch mal ein Slogan für die Stabi. Ach ja. So, Zeit mal einen Abend ohne Formeln zu verbringen.

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15 Antworten zu Gedanken zum Tag

  1. die doktorin schreibt:

    „Aber ansonsten bin ich Gewohnheitstier und Dinge sollten nicht einfach zu Ende gehen.“ Das unterschreib ich voll und ganz. Deshalb wissen die Programmleute vom Fernsehen auch gar nicht, was sie mir antun, wenn sie eine Serie absetzen/einstellen. Das ist viel mehr als nur das Ende einer Serie. Das ist Schmerz. Psychischer und physischer Schmerz. Ich hab mir zur Verbesserung dieses Zustandes vor einer Weile ein Plakat aufgehängt, auf dem steht: „NOTHING IS CONSTANT BUT CHANGE“. Bleibt alles anders, sozusagen.

    Bibliotheken nur aus dem Fernsehen zu kennen, ist hingegen eine ziemliche Meisterleistung, oder nicht? Ist das normal heute? Selbst mein bücherhassender 11-jähriger Neffe hat mit der Schule die Bücherei besucht. Und bei uns auf dem Dorf ist früher immer in Ermangelung einer Bibliothek der Bücher-Bus gekommen!

  2. Miss Sophie schreibt:

    So ganz normal waren diese beiden Mädels nicht. Zumindestens hoffe ich das für Deutschland.

    Das ist natürlich ein weiser Spruch. Stimmt ja auch alles. Seh auch ein, daß das irgendwie blöd ist, denn es kann ja nicht immer alles gleich bleiben (mit 30 noch an der Diplomarbeit zu sitzen wäre z.B. auch keine Lösung). Ändert aber irgendwie alles nichts an diesem Gefühl, das man dann hat, wenn was zu Ende geht. Aber irgendwann ist alles Neue ja Gewohnheit. DAS ist doch mal ein tröstender Spruch 😉

  3. die doktorin schreibt:

    Stillstand ist der Tod.

    Erwarte viel! Lebe für den Transit! Tanz den Tanz auf dünnem Eis! Surf auf dem Scheitelpunkt des Nichts! Das ist doch alles hochmotivierend, finde ich. Mir hilft das jedenfalls ungemein. Aber ich kann gut verstehen, dass es ein ziemlicher Einschnitt ist, wenn man seine Diplomarbeit abgibt. Das Ende einer Ära, sozusagen.

    Ich finde es so merkwürdig, dass man im Prinzip weiß, dass etwas Tolles zu Ende geht, und dass man sich später danach zurücksehnen wird. Ich kenne viele Leute, die sagen: „Damals, das war toll.“ Aber es ist was Anderes, wenn man in dem Moment, wenn man gerade die tolle Zeit hat, also jetzt sozusagen, schon weiß, dass man genau das später als tolle Zeit ansehen wird. Falls das verständlich ist. Mir geht das ganz oft so, und dadurch ruinier ich mir schöne Dinge, dass ich denke: „Jetzt ist es so toll, aber bald ist es vorbei, und später wirst du dich zurücksehnen.“

  4. Miss Sophie schreibt:

    Das ist jetzt vielleicht ganz krudes Kunstverständnis, aber deswegen liebe ich alles was mit Barock zu tun hat. Insbesondere diese Stilleben, auf denen schon die Fliegen krabbeln und der Fisch leicht gammlig wird. Die Dinge sind am schönsten, wenn ihr Vergänglichkeit durchschimmert.

  5. Kreuzberger schreibt:

    Glückwunsch zur mittlerweile vielleicht/wahrscheinlich schon vollzogenen Abgabe! Augenblicke, die man vorher für groß und besonders hält, werden ja leider ganz schnell nichtig und klein, wenn sie erst mal da sind. Der Tag, an dem man seine Diplomarbeit abgibt, gehört definitiv dazu. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, mittags bei der Post das Päckchen mit den drei Exemplaren abgegeben zu haben und dabei zu denken: „Scheiße – so geht mein Studium zu Ende. Die Christel hinterm Tresen müsste mir doch jetzt gratulieren und wenn ich hier rausgehe, müssten die Menschen Spalier stehen, mit Konfetti werfen und mir Champagner kredenzen.“ Stattdessen: Ein grauer Tag in Berlin-Friedrichshain und ich stehe allein auf der Frankfurter Allee. Die Diplomarbeitsabgabefeier war dann aber doch noch ganz schön. 🙂

  6. Miss Sophie schreibt:

    Ja, also ich hätte ganz definitiv auch mehr Konfetti erwartet!

    Die Arbeit konnte tatsächlich abgegeben werden, auch wenn die Vertretung dazu so eine Schritt-für-Schritt-Anleitung „Diplomarbeit annehmen für Dummies“ neben sich liegen hatte. Ob nun also wirklich alles formgerecht über die Bühne gegangen ist, oder sie einen wichtigen Punkt übersehen hat, weiß ich noch nicht so genau.

    Gestern abend wurde noch ein bißchen gefeiert, das war wirklich ganz nett.

  7. Thomas schreibt:

    Okay, wenn schon die Leute in den Blogs ihre Diplomarbeiten abgeben und nicht nur in meiner persönlichen Offline-Umgebung, sollte ich zumindest mit dem theoretischen Teil mal einen Zahn zulegen und nicht die zwei Monate noch genießen, die ich eigentlich weiter Zeit habe.Vielleicht sollte ich ja die verbleibende Zeit auch dazu nutzen mal zu überlegen, wie ich diesen großen Tag feiern werde. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich am Ende einfach vier gebundene Arbeiten auf den Tisch des Studentenamtes legen werde, um anschließend eine Tasse Kaffee zu trinken. Was unterm Strich fast schon armselig ist. Als ich vor einem Monat einer Freundin bei der Abgabe so etwas wie moralische Unterstützung lieferte, gab’s im Anschluss zumindest ein Gläschen Sekt zum anstossen.Na ja, was ich eigentlich sagen wollte: Gratuliere zur Diplomarbeitsabgabe. 😉

  8. Miss Sophie schreibt:

    Sekt sollte schon drin sein. Ein Kommilitone hatte sogar Schampus fließen lassen, der war sehr lecker. Hatte er allerdings vorher mal bei einem Planspiel an der Uni gewonnen.

    Also, drei Arbeiten, vier Arbeiten, das werden ja immer mehr! Ich brauchte nur zwei abzugeben. Eine für den Erst- und eine für den Zweitgutachter. Da wird man ja auch schon ein bißchen Kohle los. 3 Exemplare a 117 Seiten haben mich schon mal um 50 Euro erleichtert, ein Exemplar hab ich nämlich für mich selbst gedruckt. Ich hab jetzt auch schon von Leuten gehört, die ihre Arbeit nachgedruckt haben, weil alle Verwandten ein Exemplar wollten. Mit meinen Verwandten wird das aber wahrscheinlich nicht passieren.

    So, nun werde ich ein bißchen mit meiner Belohnung spielen, die ich mir selbst gegönnt habe: Ein ipod nano. Dolles kleines Gerät!

  9. Kreuzberger schreibt:

    Bei mir war ein Exemplar für den Erstgutachter, eins für den Zweitgutachter, eins für das Uniarchiv und – wie mir jetzt gerade einfällt – auch noch eins für die Bibliothek (womit sich der Kreis zu Deinem Beitrag ja wunderbar schließt). Waren also auch vier Stück. Und natürlich noch zwei für mich.

  10. die doktorin schreibt:

    Oho, da gab’s wohl entweder keine passenden Schuhe, oder die Prioritäten haben sich verschoben… Gratulieren zum iPod nano, der ist echt schick. Ich hab mich ja auf die Billig-Variante in Sachen iPod runtergehandelt, aber ich hab ja auch etwas, auf das ich spare: Mein Umzug!! 😉 Falls er denn irgendwann mal stattfindet.

  11. Kreuzberger schreibt:

    Ich habe gerade ganz vergessen, den iPod nano zu loben. Schönes kleines Spielzeug. Ich habe ja wie die Doktorin nur den Shuffle. Weil es den nano damals noch nicht gab + er robuster und noch ein wenig kleiner ist, was beides gut für den Hosentaschentransport ist. Und jetzt hör ich damit auf, mir einzureden, ich sei nicht nanoneidisch.

  12. Miss Sophie schreibt:

    Ui, die Bibliothek. Na, ob meine Arbeit das bis dahin schaffen wird. Bislang gibt es noch keine Anfragen 😉 An der Uni Hamburg gibt es wohl einfach zu viele Studis, da werden nur die Arbeiten von denen behalten, die an der Uni bleiben. Sonst müßten die anbauen für die ganzen Diplomarbeiten.

    Ich hab jetzt seit einem Jahr den Shuffle, und ist auch wirklich geil so für die S-Bahn-Fahrten. Nur, manchmal ist man plötzlich in dieser ganz bestimmten Stimmung und dann möchte man dieses ganz bestimmte Lied hören, und dann muß man so blöd vorspulen, das dauert einfach zu lange. Und so Features wie Kalender und Kontakte sind auch nicht ganz uninteressant. Ich liebe ihn jedenfalls jetzt schon heiß. Und er ist schwarz. Das ist so angesagt heute. Und es steht mir einfach. Hast Du Kopfschmerzen, Schatz? 😉

  13. die doktorin schreibt:

    Und er steht mir so gut! 😉

    Ich hab übrigens nicht den Shuffle, weil ich den für einen überteuerten USB-Stick halte. Mit Billig-Variante meinte ich ein Creative-Modell, das zwar auch recht schlicht ist, aber hey, es hat immerhin ein Display! Das Vorspul-Problem ist in Maßen aber dasselbe, weil man ja auch die Ordner vorspulen kann, und wenn ich ganz schlau bin, dann bespiel ich ihn mit Ordnern, in denen ich thematisch oder stimmungsähnliche Lieder sammel. Jaha. Plötzlich kann selbst Ms. Chaos ein System entwickeln…. Beängstigend.

  14. Thomas schreibt:

    Stimmt schon, Display, Speicher und ein paar Knöpfe – mehr braucht der MP3-Player von heute nicht. Und notfalls kauft man sich weiße Kopfhörer und lässte den MP3-Player in der Tasche, dann denken alle man hätte einen iPod. 😉

  15. Miss Sophie schreibt:

    Ich hab meinen kleinen Nano aber schon sehr ins Herz geschlossen. Dieses ClickWheel ist auch ziemlich lustig. Hoffentlich verliere ich den jetzt nicht irgendwo. Ist so klein, das Ding.

    Daß die Kopfhörer weiß sind, nervt ein bißchen. Schwarz würde besser aussehen. Hmpf.

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