Buchkritik: „Aussicht auf bleibende Helle“ von Renate Feyl

aussicht.jpgInhalt: Berlin, Anfang des 18. Jahrhunderts. Brandenburg ist ein aufstrebender deutscher Staat, Kurfürst Friedrich III. lässt sich zum König in Preußen erklären. Das Volk beeindruckt er durch ungeheuren Prunk, nur seine Frau Sophie Charlotte von Hannover hält wenig von seinen Inszenierungen. Sie ist gelangweilt von dem starren höfischen Protokoll, das eine hirnlose Marionette aus ihr zu machen scheint. Interessiert an den schönen Künsten wie an den Fortschritten der Wissenschaft schätzt sie den Gedankenaustausch mit den führenden Intellektuellen ihrer Zeit – allen voran mit dem berühmten Mathematiker und Universalgelehrten Leibniz. Mit ihm hat sie einen Seelenverwandten getroffen, der ihre Lust am Infragestellen alter Weisheiten und ihren Durst nach Wissen teilt. Doch die Beziehung zwischen zwei so einflussreichen und doch verschiedenen Persönlichkeiten führt auch zu Konflikten.

Kritik: So, wer immer brav auf die Wiki-Links geklickt hat, hat schon mal ’ne Menge gelernt. Leibniz kennen natürlich alle, nicht wahr? War schließlich ein bekannter Mathematiker, hatte in ein paar Dingen aber einfach Pech, weil Newton so ziemlich die gleichen Sachen rausgefunden hatte. Ja, so ist das in der Mathematik, man findet die dollsten Sachen raus und dann war ein anderer schneller. Außerdem war Leibniz nebenbei auch noch Philosoph, berühmt ist sein Ausspruch „Alles ist zum Besten in der besten aller Welten“. Es gab damals eben noch keine Tagesschau. Die Autorin Renate Feyl hat selber Philosophie studiert, deshalb bleibt es nicht bei der Aufzählung von Phrasen, sondern man kriegt tatsächlich ein paar Einblicke in die Philosophie der Zeit und der von Leibniz im Speziellen. Trotzdem herrscht kein belehrender Ton, es wird vielmehr Wert gelegt auf eine Schilderung der höfischen Zustände zur betrachteten Zeit und man erhält einen kleinen Einblick in das strenge Zeremoniell an den norddeutschen Höfen und bekommt eine Ahnung von dem ungeheuren Aufwand, der in die Repräsentation gesteckt wurde. Schwerpunkt des Romans ist aber die z.T. schwierige Beziehung zwischen Sophie Charlotte und Leibniz. Einerseits sind sie fasziniert voneinander, da sie sich in ihren geistigen Interessen so ähnlich sind und beide es wagen, den jeweils anderen herauszufordern. Andererseits liegt gerade in dieser Herausforderung eine Spannung, denn Sophie Charlotte ist schließlich Königin und Leibniz ja wohl immer noch der größte Mathematiker und Philosoph seiner Zeit! Ihre Beziehung bleibt rein platonischer Natur, auch wenn es gehörig knistert, wie man so schön sagt. Geistiges Knistern, sozusagen, und das ist nicht das schlechteste, wenn ich das hinzufügen darf. Insgesamt empfehlenswerte Lektüre: lehrreich, kurzweilig und gut geschrieben.

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4 Antworten zu Buchkritik: „Aussicht auf bleibende Helle“ von Renate Feyl

  1. pinkbuddha schreibt:

    Ich bin ja weder Freund von „wahren Geschichten“ noch von Büchern, die im 18. Jahrhundert spielen… Andererseits natürlich wichtige Person, die Sophie Charlotte. Kaufen werde ich es nicht, aber wenn ich es bei jemandem mal entdecke, werde ich es ausleihen. Das ist der Deal. Sozusagen.

  2. Richard K. Breuer schreibt:

    „Alles ist zum Besten in der besten aller Welten“, tja, das konnte Monsieur Voltaire so nicht stehen lassen und schrieb dagegen eine verschmitzte Satire namens „Candide ou l’optimisme“ Demzufolge bin ich Herrn Leibniz dankbar, dass er diesen Ausspruch und seinen Optimismus in die Welt gestreut hat 😉

  3. Elfriede Grasse schreibt:

    „Ausharren im Paradies“ ist das erste Buch von RF, das mir in die Hände kam. Beim Lesen verspürte ich die Angst und Scham wieder, die mich während meines Studiums in Leipzig begleiteten. Und die Stimmung des Herbstes 1989, die Erlebnisse nach dem Mauerfall waren gegenwärtig.
    Ein faszinierendes Buch in kultivierter Sprache – ein Wendebuch? Wohl eher nicht. Der hochgelobte „Turm“ beeindruckte mich nicht annähernd so wie dieses.
    Es bewegt mich die Frage, ob und in welcher Reihenfolge weitere Bücher der Autorin zu lesen sind, ohne den Eindruck zu verwischen, den die Lektüre dieses ersten bei mir hinterlassen hat.

  4. marita graeff, 50858 koeln schreibt:

    6. März 2012 9:30 Uhr Die Königin und der Philosoph
    Aussicht auf bleibende Helle
    Nie hat mich ein Buch so gefesselt, wie dieses hier. Vor allem die intensiven Gespräche
    zwischen der Königin und dem Philosophen. Dazu die großen Themen über Gott, die Engel, die
    Kirche, die Religion, dieLiebe u.v m. Oft wünschte ich mir, ich säße dabei!!
    Die Einblicke in das Leben am Hofe, die beschwerlichen Kutschfahrten dieser Zeit, die auch Leibniz unternehmen musste, um dem Wunsch von Sophie von Hannover Folge zu leisten…
    Feyls Erzählstil gab mir wunderbare Einblicke in das Leben des 17. Jh.

    Leider gab es kein happy end für die „Mariage Mystique“, was mich fast ärgerlich machte, denn
    es war doch soo eine perfekte Verbindung!

    Woher stammen die wunderbaren Gespräche? Sind die frei erfunden, oder gibt es darüber
    Literatur??

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