Mensagespräche

Gerade komme ich aus der Mensa und sehe ganz riesiges Potential für eine neue Kategorie in meinem Blog. Ich gehe normalerweise alleine essen, muß dazu gesagt werden, und für die Aufrechterhaltung der Kategorie ist das auch unabdingbar. Bitte kein Mitleid, zur Zeit sind hier einfach wenig andere Doktoranden und überhaupt entspricht es irgendwie meinem Bild vom emsigen Forscher, sich einsam etwas Eßbares einzuwerfen, wenn Koffein allein mal wieder nicht mehr reicht. Zudem kleckere ich gerne oder tue sonstwie unappetitliche Dinge beim Essen (insbesondere Verschlucken mit Verwechslung von Speiseröhre und den oberen Atemwegen). Es ist also für alle erstmal besser so.

Hier in Göttingen gehe ich meistens in die Zentralmensa, in der das Publikum sehr gemischt ist. In Hamburg saß ich immer in der Mathemensa, die natürlich in erster Linie von Mathematikern aufgesucht wurde. Hier ist das vollkommen anders und Göttingen ist ja weithin bekannt für einen recht hohen Anteil von Geisteswissenschaftlern. Die Studenten teilen sich so in zwei recht klar getrennte Grüppchen, nämlich die „Schicken“ und die – äh – „nicht so Schicken“. Die Schicken laufen, das ist in Göttingen wie in Hamburg, als Typ mit Stehkragen rum und als Tussi mit Perlenohrringen, Longchamps-Täschen und rosa Schal. Ok, die Perlenohrringe hab ich auch. Ich hab auch nichts tendenziell gegen das Outfit, sondern höchstens gegen gewisse Einstellungen, die aber ja nicht immer zutreffen müssen. Ich verweise da gerne auf „Natürlich Blond“, also den Film. Und dann gibt es noch die anderen, von denen sich gelegentlich Exemplare an meinen Tisch setzen.

Heute ließen sich also zwei Mädels der zweiten Kategorie neben mir nieder. Ha, das kann witzig werden, dachte ich mir. Kaum Platz genommen, rühmte die eine gleich die Vorzüglichkeit des Blumenkohlbratlings. Das sei doch mal ein wirklich leckeres Gericht. Hmm, ich sah das, was da bei mir auf dem Teller lag, an, und wunderte mich, ob in ihrem Bratling gleich ein paar Barbiturate eingefüllt waren. Mir jedenfalls wäre ein Filet Mignon dann doch etwas lieber gewesen. Aber für 1,50 Euro will man auch nicht meckern. Es stellte sich dann schnell raus, daß die beiden meine Filet-Ansicht wohl nicht teilten, da dafür natürlich Tierchen hätten sterben müssen und die beiden waren Vegetarierinnen. Als nächstes sprachen sie über einen Freund, der Philospohie studierte, aber auf einen Einstieg in die Werbebranche hoffte. In meinen Augen ist das ja auf jeden Fall besser als Taxifahrer, aber den beiden gefiel daß nun gar nicht, denn, darüber hätte die eine früher schon mal heftigst in ihrem Französisch-Kurs diskutiert, Werbung sei ja auf gar keinen Fall Kunst, denn Kunst sei auf jeden Fall nur das, wofür man kein Geld kriege. Wahrscheinlich machen sie dann bald mal eine Blumenkohlbratling-Küche für hungernde Künstler auf, wenn sie fertig studiert haben. Es ging weiter mit einer Diskussion über eine Freundin, die Kunstgeschichte studierte, aber nach einhelliger Meinung gar nicht danach aussehe, also gar nicht künstlerisch. Das witzige an Kunstgeschichte ist aber ja, daß es einerseits interessehalber die „nicht so Schicken“ wie auch irgendwas-muß-man-ja-tun-halber die „Schicken“ anzieht. Nach abgeschlossenem Studium kann man dann entweder reich heiraten, erben oder Auktionator bei Sotheby’s werden. Alles keine schlechten Optionen, wie ich finde. Doch zurück in die Mensa, denn das Gespräch nähert sich gerade seinem Höhepunkt. Die eine fängt davon an, wie sie doch neulich mit soundso ganz heftig darüber diskutiert hätten, wie wichtig eigentlich die politische Einstellung bei ihren Freunden wäre. Beschwichtigend meinte nun die andere, es komme ja im Grunde darauf an, ob jemand ein „guter Mensch“ sei. Also, wenn jemand nun ein „guter Mensch“ sei, dann wäre es doch vielleicht, ganz unter Umständen möglich, daß man mit ihm befreundet wäre, und er würde trotzdem die CDU wählen. Skeptisches Gucken auf der anderen Seite. Hmm, sie hätte ja nun keine Freunde, die die CDU wählen würden, aber wahrscheinlich hätte ihr Gegenüber Recht, wurde da zugegeben.

Und ich dachte mir plötzlich, während ich den fiesen Bratling runterwürgte: Mensch, Miss Sophie, wie scheiß-tolerant bist Du eigentlich mal wieder? Auf die Gefahr hin, ein paar Blogleser zu verlieren, möchte ich mich hier nämlich durchaus als CDU-Wählerin outen. Aber jetzt kommt’s: Ich hab Freunde, die wählen die Grünen!!!! Und andere die SPD oder die FDP. Oder zumindestens würden sie es vielleicht tun. Ist das nicht der Hammer? Ich war einfach nur geflasht von mir selbst. Vor allem, da diese Leute ja auch mit mir befreundet sind: Vielleicht halten sie mich wirklich für einen guten Menschen? Bei der Verdauung dieses fiesen Bratlings half mir dieser Gedanke einfach nur enorm.

Ich denk fast, beim nächsten Mensa-Besuch warte ich nicht erst, bis die an meinen Tisch kommen, sondern setze mich gleich mitten rein in so ein Grüppchen. Es scheint die Verdauung ganz prächtig zu fördern.

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17 Antworten zu Mensagespräche

  1. kreuzberger schreibt:

    Eine tolerante CDU-Wählerin – wo gibts denn sowas? 😉

  2. Ratilius schreibt:

    Nachdem ich meine Zeit inzwischen ja frei einteilen kann, sollte ich mich mal in ein paar andere Fakultäten schleichen um Feldforschung zu betreiben.

  3. pinkbuddha schreibt:

    Ach, nachdem du Christian Wulf schon als gutaussehend angepriesen hast, haben es sicher schon alle geahnt… Das schockiert keinen mehr. 😉

    Solche sozialen Abenteuer sind besonders gut blogbar. Man macht doch viel mehr bescheuerte Dinge, wenn man weiß, dass man drüber bloggen kann. Zum Beispiel sich zu ein paar echt freakigen Studenten an den Tisch setzen? Ich bin schon auf die Fortsetzung der Kategorie gespannt.

    Manchmal verlockt es mich, mein Handy-Aufnahmegerät zu starten in solchen Situationen… Meist sind die Situationen aber innerhalb meiner Familie, da geht’s zu wie bei Loriot.

  4. Miss Sophie schreibt:

    @ Kreuzberger: Hab ich schon einen Leser weniger, was? 😉

    @ Ratilius: Ja, das ist nicht gut, wenn man immer unter Mathematikern ist. Für das Wohlbefinden schon, aber man ist irgendwann nicht mehr so in der „richtigen Welt“.

  5. Miss Sophie schreibt:

    Ich hab mich auch voll konzentriert beim Essen, mir die wichtigen Punkte zu merken. Und bin dann ganz schnell in mein Büro gerannt. Zum Glück ist es in der Zentralmensa immer so voll, daß es gar nicht auffällt, wenn man sich zu einer Gruppe dazusetzt. Und mithören ist doch nicht verboten, oder? 😉

    Ha, mir fällt ein, mein Navi hat so eine Aufnahmefunktion. Die könnte ich vielleicht unauffällig starten.

  6. kreuzberger schreibt:

    @Miss Sophie: Ich bin noch da. Denn als Nicht-CDU-oder-FDP-Wähler bin ich natürlich noch viel toleranter als wie Du. 😉

  7. Thomas schreibt:

    Also ich war ja streckenweise davon überzeugt das du hier eine gelungene Satire schreibst und das wäre nie passiert. Aber das liegt wohl daran, dass der Anteil von Geisteswissenschaftlern in Mensen von Fachhochschulen relativ gering ist. Nur dann kam dieses CDU-Bekenntnis. Und da dachte ich mir, eine CDU-Wählerin, die lügt doch nicht …

  8. stille schreibt:

    Sehr amüsant.
    Einige Fragen stellen sich nun:
    Was ist ein „guter“ Mensch?
    Gibt es einen „schlechten“? Was zeichnet ihn aus?
    Ist die politische Ausrichtung generell ein Kriterium nach dem man Freunde aussucht?
    Worum geht es in der Freundschaft?
    Und die allerwichtigste Frage:
    Warum wählt man CDU?

  9. Miss Sophie schreibt:

    Das Tolle an meinem Leben ist gerade, daß ich mir solche Fragen nicht stelle. Zumindestens nicht während des Mittagessens.

  10. Zazie schreibt:

    Das Problem stellt sich mir nicht, jedenfalls meistens nicht….Da ich seit 24 Jahren in der Nähe von Wien lebe, aber immer noch Deutsche bin (ich will´s auch bleiben – vive le patriotisme) schicken die mir regelmässig vor wichtigen Wahlen einen Briefwahl Umschlag. Allerdings kommt der immer erst ca 8 Tage vor der deadline,dh. also meine Briefwahl ist schon von Anfang an verschissen 😦
    Der Rückumschlag kommt NIE rechtzeitig in D an (selbst wenn ich ihn am selben Tag losschicke)…
    Obwohl ich ein paar Mal deswegen schriftlich gemault habe, hat sich bis heute nix daran geändert 😦
    Und so sei es denn wie es sei, ich wähle was ich will, nutzt zwar nix, aber immerhin brauch ich kein schlechtes Gewissen zu haben.
    Ich finde, die BRD ist echt schlecht organisiert !

  11. stille schreibt:

    @miss sophie:
    Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber meinst Du das ernst oder ist das Ironie? *grübel* 😉

  12. Miss Sophie schreibt:

    Der Teil mit dem Mittagessen ist jedenfalls definitiv nicht ironisch gemeint.

  13. stille schreibt:

    Was nicht wirklich überraschend ist… 😉
    Wie auch immer.

  14. Annkari schreibt:

    Wenn Du jetzt anfingst, nur noch über deine politischen Ansichten zu bloggen oder mir irgendwelche CDU-Menschen als wählbar anzupreisen, würde mir dein Blog sicher schnell langweilig. Aber ansonsten hält mich so ein Bekenntnis sicher nicht vom Lesen ab. 🙂

  15. Miss Sophie schreibt:

    Keine Angst, ich finde politische Blogs (und bei WordPress gibt es ja so einige, auch schnell eher fraglicher Natur…) unsagbar langweilig.
    Meine Leser sind alle so tolerant!
    Heute war ich übrigens auch nicht alleine essen.

  16. Zazie schreibt:

    Machst uns jetzt die Nase lang ?
    Ich sterbe schon vor Neugier 🙂

  17. Miss Sophie schreibt:

    Öhm, nö, weil ich nicht alleine essen war (sondern mit meinem Chef und einem Kollegen), konnte ich keine fremden Gespräche belauschen. Da gibt es also leider nichts spannendes zu erzählen.

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