Laufband der Demütigung

Schon mehrfach wurde ja über die Göttinger Mensen berichtet. Heute gibt es leider kein Mensagespräch (nur ein belauschtes auf dem Weg zurück zum Institut: Beteiligte: Typ und Tussi. Typ: „Ja, leider sprechen den (wohl ein gemeinsamer Freund, Anmerkung der Lauscherin) auch nur häßliche Frauen an.“ Tussi: „Was wünscht Du ihm denn? So, was für eine Frau?“. Typ: „Eine blonde Polin.“ Tussi: *schweig*. Typ: „Na, er steht halt irgendwie auf Polinnen. Und bei einer Blonden würde er sich auch bestimmt wohlfühlen. Sie müßte so aussehen wie seine Ex-Freundin vielleicht.“)

Also zurück zur Mensa. Wie bereits erwähnt, gibt es in der Zentralmensa das Futter in so vorgerfertigten Tabletts. Neulich überkam mich auch schon ein Monk-mäßiges Ekelgefühl, als etwas Brokkoli von der Beilagen-Vertiefung in die Besteck-Vertiefung gerutscht war. Aber egal. Irgendein plietscher BWLer muß wohl mal ausgerechnet haben, daß man irre viel Kohle und Zeit sparen kann, wenn alle ihre leergefressenen Tabletts auf die gleiche Weise auf das Abräumlaufband stellen. Groben Unrat beseitigt und Besteck artig in die Besteckvertiefung gelegt. Leider wurde hier der Faktor Mensch ganz gründlich übersehen. Dieser neigt, zumal vollgefuttert mit Mensa-Happi, dazu, sich schnellstmöglich und auf bequemste Weise seines Tabletts zu entledigen. Daher gibt es an jedem Laufband „Aufpasser“, die einen auf Verfehlungen vor Ort hinweisen. Ob es nun mit dem Einsatz der Aufpasser immer noch so eine immense Ersparnis von Kosten ist, sei mal dahingestellt. Bislang lief alles ganz glatt, doch heute entschied ich mich für einen Putenspieß. Mein ehemaliger Mathelehrer hat übrigens mal tief in meine Seele geblickt, als er mich bei einer Grillparty beim Auseinanderfriemeln eines Schaschlik-Spießes beobachtete und schlußfolgerte: „Hat ganz schön Hemmungen!“. Doch das nur nebenbei. Das Fleisch war nicht besonders und ich ließ auch noch zwei Bröckchen auf dem Spieß. Natürlich war das nicht im Sinne des obersten Planers, denn heute fand sich am Laufband ein Extra-Abfallbehälter für die Spieße. Natürlich die leergefutterten. Ich versuchte also, unauffällig zu verschwinden, was natürlich nicht klappte. Wenn ich nur ein winziges bißchen tougher wäre, wäre ich trotz Ermahnung einfach abgehauen, aber so bin ich ja nun mal nicht, also lief ich neben dem Laufband her (eine Schlange von ca. 40 Studenten im Genick), versuchte mit der Gabel die beiden Fleischstücke zu entfernen, was mir natürlich nicht gelang, und brach schlußendlich in meiner Not einfach den Spieß direkt oberhalb der Stücke ab. Dabei wurde ein Fleischstück vom Tablett unter das Laufband geschleudert, was „natürlich auch nicht sein sollte“, wie vom Aufpasser festgestellt wurde. Hochrot das Besteck fallen lassend und die Flucht ergreifend wurde mir noch hinterher gerufen, daß ich das Besteck nicht mitten auf dem Tablett liegenlassen sollte.

Die empfindsamen und überangepaßten Menschen haben es nicht leicht in diesen Zeiten, schon gar nicht in der Göttinger Zentralmensa. Demnächst geht es häufiger zum Turm, wo man mit sich, dem Tablett und dem Laufband ganz alleine seinen Frieden finden kann.

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Dieser Beitrag wurde unter Absurditäten, Mensagespräche, Provinznotizen, Widrigkeiten des Lebens veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Laufband der Demütigung

  1. pinkbuddha schreibt:

    Oh-oh. Das hätte mir auch passieren können. Stückchen von Spießen sind mir schon quer durch den Raum geflogen… Deshalb ess ich sowas nicht mehr. Aber lecker sieht das ja schon immer aus. Das Fleisch muss eigentlich so zart sein, dass es da freiwillig herunter kommt.

    Diese Aufpasser sind aber auch wirklich doof. Andererseits möchte ich mit denen auch nicht tauschen. Sich den ganzen Tag angefressenen und abgefressenes Essen anzuschauen…

  2. Miss Sophie schreibt:

    Gibt es da nicht eine entsprechende Szene in „Die nackte Kanone“? Oder ging es da um einen Hummer? Jedenfalls gehe ich eben immer ganz vorsichtig zu Werke, was wohl tatsächlich auf Hemmungen schließen läßt.

    Das muß wirklich ein ziemlich fieser Job sein. Und schon deshalb hab ich ja auch solches Mitleid mit den Leuten, daß ich nie einfach so weglaufen würde.

  3. kreuzberger schreibt:

    Ist die Mensa nicht eigentlich ein Dienstleister und sollte sich also auch entsprechend verhalten? Da passen Aufpasser ja wohl eigentlich nicht ins Bild.

    Glaube auch, dass bei der nackten Kanone ein Hummer durch den Saal fliegt. Und bei Pretty Woman eine Schnecke, so ein „schlüpfiges kleines Scheißerchen“.

  4. kreuzberger schreibt:

    Dachte bei der Überschrift übrigens erst an eine Fitnessstudio-Geschichte.

  5. henriette schreibt:

    Da hilft nur ein Herr oder eine Frau Hund. Damit ist das Abgeben makellos saubergefressener Tabletts jeglicher Form stets gewährleistet.

  6. Miss Sophie schreibt:

    Das ist eine tolle Idee! Leider sind Hunde in der Mensa wahrscheinlich nicht erlaubt 😦 Vor allem, weil man seinen Begleiter ja notfalls auch auf den Aufpasser hetzen könnte!

  7. Miss Sophie schreibt:

    Als ich meiner Mama die Story eben am Telefon erzählt hab, meinte sie, warum ich nicht einfach den Spieß vom Tablett genommen und in den nächsten Mülleimer geworfen hätte. Einerseits sieht man daran, daß meine Mama irgendwie praktischer veranlagt ist als ich. Andererseits hätte ich wahrscheinlich schon fünf Sekunden nach Abgang vom Laufband vergessen, daß ich das in meiner linken Pfote wegwerfen wollte und wäre mit einem Putenspieß durch die Gegend gerannt. Es scheint da keinen Königsweg zu geben.

  8. pinkbuddha schreibt:

    Ja, und dann ist nie ein Mülleimer in der Nähe, obwohl eigentlich überall welche sind. Ich bin schon meilenweit mit benutzten Taschentüchern oder Bananenschalen in der Hand gelaufen… 😦

  9. Miss Sophie schreibt:

    Die Bananenschale hätte ich einfach irgendwo hin geworfen und mich daneben gesetzt. Möglichst da, wo viel Verkehr herrscht.

  10. Sascha schreibt:

    Aufpasser in der Mensa ? Mann, Oh, Mann. Hoffentlich sind die nicht so hirnlos wie die netten Aufpasser, die immer in den U-/S-Bahn-Stationen rumlaufen. Aber ich kann das Mitleid gut nachvollziehen – irgendwie habe ich bei Aufpassern immer das Gefühl von gestrandeten Existenzen…..

  11. pinkbuddha schreibt:

    Gestrandete Existenzen? So wie bei Lost? 😀

    (Sorry, ich konnte nicht widerstehen.)

  12. Sascha schreibt:

    Als sarkastischer Mensch kann meine Antwort nur lauten: Nein, eher so wie bei Big Brother 😉

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