Everybody needs a second chance

Als ich am Montag nach zweiwöchiger Abwesenheit wieder meine Göttinger Wohnung besuchte, war ich auf das Schlimmste gefaßt. Ein überlaufender Briefkasten, aufgebrochene Wohnungstür und leergeräumte Wohnung. Hoping the best and expecting the worst, sach ich ja immer. Der Briefkasten enthielt jedoch nur zwei Hörzus und zwei Brieflein, die Tür war ordnungsgemäß verschlossen und in der Wohnung alles an seinem Platz. Einzig bemerkenswert war ein Zettelchen am Haupteingang, daß am nächsten Samstag ein Mensch zum Heizungszählerstandablesen vorbeikommen würde. Na suuuper, da bin ich natürlich nicht da.

Sollte der Stand nicht abgelesen werden können, wird er nach Paragraph 9a geschätzt, belehrte mich der Zettel weiter. Da meine Wohnung zumindestens am Wochenende schön kühl bleibt, fand ich das Verfahren nicht so vorteilhaft. Es empfahl sich also, jemanden aufzutreiben, der dem Heizungsmenschen meine Wohnung kurz aufschließen könnte. Dazu bieten sich natürlich Nachbarn an. Nun sind meine Nachbarn ziemlich unbekannte Wesen. Direkt neben wir wohnt ein junger Mann, von dem ich durch unsere gemeinsame Vermieterin weiß, daß er Theologie studiert. So was bietet sich als Vertrauensperson natürlich extrem an. Allerdings war er heute abend nicht da. Ebenfalls den gleichen Vermieter hat ein extrem seltsamer Typ, der immer mit Baskenmütze rumläuft, recht zuvorkommend ist, aber irgendwie ziemlich strange. Als ich ihn neulich im Treppenhaus traf und mich vorstellte, rückte er z.B. nicht mit seinem Namen raus – mysteriös. Jedenfalls möchte ich den nicht in meiner Wohnung haben. Damit blieb nur noch meine Nachbarin zur Linken, die ich für eine blöde Schnepfe hielt, da ich mich ihr am Tag meines Einzugs vorstellte (sie kam gerade aus der Tür) und sie ziemlich hektisch mit „Ja, hier wechseln oft die Mieter, wir kennen das schon.“ antwortete. Wie herzlich. Trotzdem klingelte ich dort, denn sie sah andererseits auch nicht so aus, als hätte sie Spaß dran, die Unterwäsche von fremden Leuten zu durchwühlen, was in diesem Moment ein wichtiges Kriterium darstellte. Und, was soll ich sagen: Sie war zwar wieder etwas hektisch, aber lächelte und meinte, das wäre doch gar kein Problem. So, und was ist die Moral von der Geschicht? Siehe Überschrift. Und wenn die Bude am nächsten Montag leergeräumt ist, weiß ich wenigstens, wo ich zuerst suche.

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10 Antworten zu Everybody needs a second chance

  1. Thomas schreibt:

    Laß mich mal persönlich werden, an der Sache mit dem Briefkasten musst du arbeiten, sonst wird es so schlimm wie bei mir. Ich bin mal außerplanmäßig aus einem zwei Wochen Urlaub zu Hause nur zu meiner Wohnung gefahren, weil ich Angst hatte der Briefkasten würde überquellen. Bei mir ging das ja noch, 70 km dafür braucht man mit der Bahn keine 45 Minuten. Aber von Hamburg nach Göttingen, das könnte teuer werden. 😉

  2. Miss Sophie schreibt:

    Das ist vollkommen richtig, daß Du persönlich wirst 😉 Ich hatte nämlich ernsthaft überlegt, in den zwei Wochen einmal zwischendurch nach dem Rechten zu sehen. Dann meinten meine Eltern allerdings, ein bißchen merkwürdig würde ich langsam schon werden, und es hat mich zwar etwas Überwindung gekostet, aber ich bin in Hamburg geblieben. Vielleicht besteht noch Hoffnung 🙂

  3. pinkbuddha schreibt:

    Ui, fremde Leute in der Wohnung sind ganz übel… Da muss man das kleinere Übel nehmen, aber das scheinst du ja gefunden zu haben. 🙂

    In meiner alten Wohnung habe ich über Weihnachten mal den Wohnungsschlüssel von außen (!) in der Tür stecken lassen. Meine Nachbarin, eine ältere Frau, hat den dann wohl irgendwann entfernt und mir einen Zettel hinterlassen. Ich konnte förmlich spüren, wie sie in meiner Wohnung herumgeschnüffelt hat…

  4. Inishmore schreibt:

    Ich weiß ja nicht, ob es zwischen Heizungszählerstandablesern und Strom/Wasserzählerstandablesern standesmäßig riesige Unterschiede gibt. Aber ich kann meinen Strom/Wasserstand bequem online übermitteln.

    Das freut die Leute sogar, wenn sie nicht raus müssen, um an fremder Leute Türen zu klingeln. So sehr, dass sie jedes Jahr irgendwelche Preise unter jenen verlosen, die unfallfrei eine eMail abgeschickt haben. Ich bilde mir immer noch ein, dass ich irgendwann etwas gewinnen muss, weil es so wenige Teilnehmer gibt.

  5. pinkbuddha schreibt:

    Zum Thema längere Abwesenheit: Man gewöhnt sich daran, ist meine Erfahrung. Der Briefkasten quillt gewöhnlich nicht über und warum sollten die gerade bei mir einbrechen? Dauert bloß ein bisschen, dann vergisst man das bei längeren Heimataufenthalten.

  6. pinkbuddha schreibt:

    Ach ja, und noch was: In meiner neuen Wohnung muss NIE der Heizungsableser in die Wohnung kommen, weil die Ablesegeräte den Stand nämlich per Funk übermitteln. Ist das nicht cool? Kostet mietmäßig allerdings 1 Cent pro m² mehr pro Monat. Der Ableser stellt sich einfach vors Haus, gibt die entsprechende Frequenz in sein Gerät ein und liest ab. Von draußen! Keine fremden Menschen in der Wohnung! Super…

  7. Miss Sophie schreibt:

    Ich finde den Gedanken an fremde Leute in der Bude auch komisch. Ich hab mal so einen Bericht gesehen über Leute, in deren Wohnung eingebrochen wurde, und die sagten alle: der materielle Verlust wäre zwar blöd, aber, daß die Wohnung durchwühlt wurde, das wäre viel schlimmer. Als ich an die Baskenmütze hier in der Bude gedacht hab, wurde mir das klar. Aber ich würde ja auch nicht eine fremde Wohnung durchwühlen. Und die ist so hektisch, die hat bestimmt keine Zeit zum Durchwühlen. Ich nehme nur meinen WLAN-Router mit, weil die neulich einen Zettel am schwarzen Brett hatten, daß die sich mit wem den WLAN-Anschluß teilen wollen. Am Ende ändern die mal eben die Verschlüsselung…

    Das mit dem Schlüssel klingt übel. Da has Du aber Glück gehabt.

    Selber übermitteln geht nicht, da könnte man ja schummeln. Das müssen schon unbestechliche Fachkräfte machen.

  8. Miss Sophie schreibt:

    Das mit dem Funk ist obercool. Na, wenn ich da gewesen wäre, hätte ich es auch nicht so schlimm gefunden, nur so ist es etwas umständlich.

    Ich habe auch extra ein Schild gebastelt, von wegen „Keine Werbung einwerfen“, sonst wäre der Briefkasten übervoll gewesen. Und außerdem gibt es in meiner Bude auch nix zu klauen außer einem alten Fernseher und ’ner Mikrowelle.

  9. pinkbuddha schreibt:

    Bei mir kamen die auch nie samstags, das ist ja noch nahezu human… Und dann mit so Zeitangaben wie zwischen 14 und 18 Uhr. Toll… Strom und Wasser werden aber selbst abgelesen. Bloß auf’m Dorf gibt es das nicht, da werden Studenten rumgeschickt….

  10. Ratilius schreibt:

    Das mit dem Selbstübermitteln wäre mir auch als erstes eingefallen.
    Schummeln bietet sich nicht unbedingt an, da die Preise ja tendenziell eher steigen und irgendwann (spätestens vom Nachmieter) dem Schwindel ein Ende gesetzt wird.

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