Ich hasse Schnee!

Ja, so schnell ändert man seine Meinung. Eigentlich finde ich Schnee ja toll. Die Welt sieht so unschuldig aus. Und ruhig. Eigentlich könnte es immer so sein.

Wenn man nicht mit dem Fahrrad fahren müßte. Schnee hat nun mal den Nachteil, daß er auch dorthin fällt, wo man sich zwangsläufig fortbewegen muß. Z.B. auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Und auf Schnee kann man schlecht bremsen. Diese Erfahrung machte ich das erste Mal, als ich ca. sechs oder sieben war und mit meinen Eltern im Winterurlaub in Garmisch-Partenkirchen. Es gab hinter der Ferienwohnung einen Rodelhügel und die kleine Miss Sophie rodelte da recht gerne. Andere Kinder mochte sie aber noch nie so gerne, also rodelte sie gerne etwas Abseits der ausgerodelten Piste. Manchmal standen da Leute. Nun, man ahnt, wie das ganze endete. Ich rodelte also mit speltakulärer Geschwindigkeit genau auf eine Gruppe Muttis und Kinners zu. Jedes normale Kind hätte wenigstens irgendwas geschrieen. Irgendwie war ich nie normal. In solchen Situationen war ich schon damals so sehr damit beschäftigt, mir die absolute Ausweglosigkeit der Situation auszumalen, daß ich auf Naheliegendes verzichtete. Tatsächlich bin ich der Meinung, hier zeigte sich eine frühe Eigenschaft der späteren Mathematikerin: Wenn sie ein Problem erkennt, kann sie sich vollkommen darin vertiefen: Es gibt nur sie und das Problem. Dabei erkennt sie manchmal zu spät, daß die Umwelt gerade der Verursacher des Problems ist. Aber egal. Ich rodelte also stumm in den Haufen, die Muttis rasteten wahnsinnig aus, meine Eltern mußten mich einsammeln und ich habe den ganzen Nachmittag geheult.

Der Mensch lernt aus seinen Fehlern. Heute stieg ich also vom Rodel aufs Radl (ha!) um und radelte vor mich hin. Vor mir zwei Mädels, ebenfalls per Rad, die an einer Ampel halten. Vollkommen vorhersehbar. Bloß glich der ungeräumte Radweg sehr stark einer Rodelpiste und ich stand vor einem ziemlich ähnlichen Problem wie vor ca. 20 Jahren. Schreien war schon wieder nicht drin. Some things never change. Trotzdem beschloß ich, für ein Vierteljahrhundert genug Unheil unter der Menschheit angerichtet zu haben und stieg extrem beherzt in die Bremsen. Natürlich hatte dies zur Folge, daß ich recht spektakulär vom Rad, äh, hopste. Ha, das jahrelang praktizierte, vollkommen dusslige Runterhopsen statt Absteigen (tatsächlich mußte der Bewegungsablauf Bremsen-Anhalten-ein Bein an den Boden stellen hier in Göttingen erstmal mühsam erlernt werden) erlebte hier eine glorreiche Renaissance. Das Rad dagegen schepperte recht klangvoll auf das Pflaster, Körbchen und Rucksack verteilten sich auf dem Bürgersteig. Immerhin brachte mir diese Aktion dann auch Anerkennung von den beiden Mädels ein. Sie versicherten sich mehrfach, daß es mir gut ginge.

Genug Aufopferung für diesen Winter. Nächstes Mal fahre ich Bus.

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10 Antworten zu Ich hasse Schnee!

  1. pinkbuddha schreibt:

    Wow, das klingt nach einem Actionthriller! Würde ich, mit ein bisschen Ausschmückung, ruhig mal ein Drehbuch draus machen… 😉

    Seit ein paar Tagen frage ich mich auch jeden Morgen, was das kleinere Übel ist: Ohne Handschuhe und mit recht winterunfesten Winterhalbstiefel (aber schick sind sie!) die Bahn nehmen oder mit Sommerreifen das Auto… Ich entschied mich fürs Auto, aber nächste Woche hab ich frei und dann werde ich erst mal den Winterschlussverkauf ausnutzen.

    Meinen Respekt jedenfalls für die heldenhafte Rettung der beiden Mädels und generell fürs Radfahren bei Glatteis!

  2. Miss Sophie schreibt:

    Wie wäre es mit einer Fahrrad-Version von Speed? Bremsen kann ich ja sowieso schlecht, das würde also gut pasen

    Von meinen zwei Stiefelpaaren ist das eine zum Glück deutlich wintertauglicher als das heute getragene. Damit hatte ich mich nämlich schon am Nachmittag fast auf die Schauze gepackt- Am besten man bleibt gleich zu Hause.

  3. bullion schreibt:

    Soso. Schnee. Hab ich’s dir nicht gesagt? Sei froh, dass ich vergessen hab, dir noch zusätzlich welchen zu schicken. 😉

    Fahrrad und Schnee ist grundsätzlich ein Problem. Ich durfte jahrelang in die Schule fahren (ca. 3 km, bergig). Mit hat es da grundsätzlich ein paar Mal pro Winter hingebretzelt. Aber was einen nicht umbringt… lässt einen ein paar Jahre später auf’s Auto umsteigen… 😀

  4. Miss Sophie schreibt:

    O.K., bei Dir scheint die Schneeproblematik zur Zeit noch etwas akuter zu sein.

    Langsam beschleicht mich auch der Gedanke, daß das Auto (ruhig und überlegt gefahren) doch die beste Alternative ist. Aber hier in Göttingen würde ich sowieso nie einen Parkplatz finden.

    An meinem rechten Knöchel ist die eine Stelle nun aber doch schon etwas angeschwollen. Was bin ich für ein Held!

  5. pinkbuddha schreibt:

    Ruhig und überlegt fahren ist genau meine Stärke. Ähm… Nein, nicht wirklich. Aber obwohl ich eher unruhig und manchmal sogar unüberlegt und nahezu hormongesteuert fahre, wage selbst ich mich mit Sommerreifen zur Zeit nicht in Kurven, die annähernd glatt aussehen.

    Aber: Du bist wirklich ein Held. Schonst dein eigenes Leben (oder deinen Knöchel) nicht, um das Leben (oder die Knöchel) anderer zu verschonen! Wirklich. Heldenhaft. 🙂 Gute Besserung für den Knöchel wünsche ich jedenfalls.

    Berge sind mir ehrlich gesagt vollkommen fremd. Ich versteh auch nicht so richtig, wie man in Bergen dann auch noch freiwillig Rad fährt… Zum Glück gibt es hier im Norden so gut wie keine Berge, obwohl die Lüneburger Heide im Gegensatz zu Ostfriestland oder so natürlich auch schon quasi bergig ist…

  6. bullion schreibt:

    Also hier geht ohne Winterreifen gar nichts. Das Wechseln im Herbst/Frühjahr hasse ich zwar auch immer, aber letztendlich ist es schon ein gutes Gefühl nicht mit Sommerreifen rumzurutschen. Besonders auf den „Bergen“ (nein, so bergig ist es hier auch nicht 😉 ).

  7. Inga schreibt:

    Ich musste als Schülerin auch mit dem Rad zur Schule fahren und habe auch in 13 Jahren die Erfahrung gemacht, dass man sich JEDES JAHR exakt EINMAL richtig mit dem Fahrrad hinlegt. Also, der nächste Crash ist erst in einem Jahr.
    Ich bin dann immer direkt wieder nach Hause gefahren, denn ich bin meist unter dem Rad gelandet (komisch, oder?) und dann meterweit gerutscht. Dann war die Hose von oben bis unten voller Schneematsch. Und wenn man dabei die Mütze verloren hat, die Haare auch.
    Wenn ich nicht so eitel wäre, wäre ich auch ein Anhänger des Helm-Tragens.
    Fahrradfahren ist verdammt gefährlich und ich bin froh, dass Dir nichts ernstes passiert ist.

  8. Ratilius schreibt:

    War ja zum Glück kein sprichwörtlicher Beinbruch.

  9. Maria Kersten schreibt:

    Ich bin auch ein Runterhopser 🙂

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