Ich, Du, Er, Sie, Es

Manchmal kann ich sehr altmodisch sein. Und sehr deutsch. Z.B. wenn es um die Gretchen-Frage geht: „Duzen oder Siezen?“. Das fiel mir heute mal wieder auf.

Ich hatte am Montag ein Regencape in einem Fahrradladen bestellt, das heute dort sein sollte. Nun sind Fahrradläden sicher nicht ein Zentrum für distanzierte Umgangsformen, dennoch überraschte es mich etwas, daß der sehr jugendliche Verkäufer auf meine Frage, ob das von mir bestellte Cape schon da sei mit „Ja, das ist da. Lustig, ich hab Dir doch gerade auf den Anrufbeantworter gesprochen“ antwortete. Nun gut, den hatte ich nicht abgehört, aber ich war eh gerade in der Nähe und nur so auf Verdacht vorbeigeradelt. Irgendwie hatte mich das „Du“ nun aber ganz schön irritiert. Ich schob das aber mal auf mein jugendliches Auftreten. Natürlich sehe ich nicht mehr unbedingt minderjährig aus (die Zeiten währten lange, doch nun sind sie endgültig vorbei), jedoch verleitete den Verkäufer evtl. der geringe Altersunterschied zur vertrauten Anrede, nahm ich an. Höchst irritiert war ich dann doch, als ich vorhin meinen AB abhörte, der mir sagte: „Ja, Du hast hier so ein Regencape bestellt, das kannst Du jetzt abholen.“ Und ich habe weder einen überdurchschnittlich jugendlichen Vornamen noch eine überdurchschnittlich jugendliche Telefonnummer.

Vielleicht sehen meine geneigten Leser das ja anders, dennoch bestehe ich in Geschäften, Restaurants, Behörden etc. gerne auf das „Sie“ (womit „bestehen“ hier bei mir heißt, daß ich es gerne hätte, aber mein Gegenüber normalerweise nicht darauf hinweise). Ich selber bin auch leidenschaftlicher Siezer. Allerdings verrohen diese Sitten durch überdurchschnittlich lange Aufenthalte an der Uni leider etwas. Zum einen ist es normal, andere Studenten zu duzen („Kannst Du mir sagen, wo’s hier zur Mensa geht?“), zum anderen duzen sich auch Institutsmitglieder in den meisten Fällen. Zudem bevorzuge ich für kleinere Übungsgruppen, die ich leite, das allgemeine „Du“, wobei ein „Seien Sie bitte etwas leiser“ mit Sicherheit wirksamer ist als ein „Seid mal bitte etwas leiser!“.

Bin ich spießig? Vielleicht, aber dann bin ich es gern. Ich möchte nicht mit den Grammatik-Kreuzrittern in einen Topf geworfen werden, die sterben würden für die Einführung der Todesstrafe auf den Deppen-Apostroph oder solche, die für den Erhalt des Dehnungs-S kämpfen. Auch nicht mit jenen verwirrten Rentnern, die nur in solchen Kaufhäusern einkaufen, in denen keine Fahrstuhlmusik im Hintergrund gespielt wird. Ich möchte einfach nur, daß eine in meinen Augen sehr angenehme Eigenheit der deutschen Sprache etwas respektierlicher behandelt wird.

Um diesen Post noch etwas versöhnlich zu schließen, beantworte ich noch ganz kurz das Stöckchen, das Löwenzahn mir zugeworfen hat: Woran hast Du als Kind geglaubt (Unter Bloggern habe ich mich an das „Du“ ebenfalls gewöhnt 😉 )? Die unglaublich süße Antwort in Kürze: Daß alles in Erfüllung geht, wenn man nur ganz doll dran glaubt. Damit werde ich übrigens immer noch gerne zitiert…

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13 Antworten zu Ich, Du, Er, Sie, Es

  1. pinkbuddha schreibt:

    Für das Siezen habe ich ganz großes Verständnis. Wenn ich irgendwo Kunde bin, möchte ich bitte gesiezt werden, ich sieze die Leute ja auch. Kompliziert wird es tatsächlich, wenn der Gesprächspartner nicht viel älter/jünger ist als man selbst. Meine neue Bankberaterin ist garantiert höchstens 1, 2 Jahre älter als ich, und das war schon ein wenig merkwürdig, sie die ganze Zeit zu siezen. Andererseits ging das auch schnell vorbei, nachdem es erst mal klar war, dass wir uns siezen.

    Ich hatte ja heute Kontakt mit ein paar Onlineshops per Mail, die haben teilweise auch hemmungslos geduzt. Fand ich auch befremdlich. Beim Blog stört mich das hingegen gar nicht, da ist das Siezen dann höchstens mal ironisch. Wenn es aber um Business geht, geht am Siezen kein Weg vorbei.

  2. Miss Sophie schreibt:

    Ja, das mit dem geringen Altersunterschied ist ein Problem. Zur Zeit denkt man sich ja auch: „Mensch, der ist ja wohl auch irre jung! Doch bestimmt nur ein-zwei Jahre älter als ich“. Irgendwann fällt es einem bestimmt auf, daß man selber ja auch nicht mehr jung ist und dann ist das mit dem Siezen vielleicht ein geringeres Problem.

    In Mails sieze ich auch grundsätzlich. Überhaupt versuche ich gerade in solchen Mails möglichst förmlich zu sein, da ja auch „Zwischentöne“ im Geschriebenen schlechter verstanden werden. In der Blogosphere ist das „Du“ natürlich völlig o.k.

  3. pinkbuddha schreibt:

    Das mit den Mails stimmt schon. Wenn man jemanden persönlich trifft oder z.B. in einen Laden geht, spürt man ja, wie die Stimmung bzw. das Gegenüber ist. Da das beim E-Mailen entfällt, greife ich da auch grundsätzlich aufs Sie zurück.

    Und dein Einwand, dass man selbst ja auch nicht mehr wirklich jung ist, stimmt leider auch… Ich kann es manchmal selbst nicht fassen, wie alt ich bin. Schnief.

  4. Joachim schreibt:

    Das Duzen muß so Sitte sein in Fahrrad- und Outdoorläden, vor allem bei jenen mit ökologisch verantwortlicher, linksliberaler Kundschaft. In Freiburg (eine nahezu vollständige Verkörperung der vorangestellten Attributreihung) passiert mir das oft. Auf dem Abholschein für eine Fahrradreparatur stand konsequenterweise nur der Vorname.

    Während das Geduze im Fahrradladen noch halbwegs hinnehmbar und authentisch ist, biedert sich der Ikea-Katalog einem nun wirklich an …

  5. Miss Sophie schreibt:

    Freiburg und Göttingen dürften sich durch die starke Prägung durch die Universität und daher durch die stark studentisierte Kundschaft recht ähnlich sein. Tatsächlich kommt man sich als ökologisch nicht so verantwortlicher, nicht linksliberaler Mensch manchmal verloren vor.

    Ich finde ja nicht, daß Fahrradläden authentisch sein müssen. Ich wollte eigentlich nur ein Regencape kaufen und nicht den „Biker-Spirit“ aufsaugen…

  6. bullion schreibt:

    Ich merke erst meist zu spät, dass ich unpassenderweise geduzt wurde. Ich finde es aber auch andersrum schwierig. Bei älteren Bekannten z.B. die einem noch nicht wirklich das Du angeboten haben, es aber doch schon irgendwie in der Luft liegt, rutscht mir das manchmal doch auch ganz gern raus.

    Oder in einem neuen Job, wenn es plötzlich aus allen Richtungen heißt „hier duzen sich alle“, dann rede ich meine neuen Kollegen trotzdem immer noch mit Sie an, was mir ebenso peinlich ist wie andersrum. Wird wohl immer ein Thema voller Missverständnisse bleiben… 😉

  7. Ratilius schreibt:

    Also bei Kellerinnen im besonderen und bei Bediensteten im Allgemeinen wünsche ich mir ebenfalls ein „Sie“.

    Bei Bekannten meiner Eltern verwende ich auch eher sie oder versuche es mit umständlichen Konstruktionen zu umschiffen.

  8. pinkbuddha schreibt:

    Die Umschiffungen führen dann gern mal dazu, dass ich sekundenlange Pausen einlege vor meiner Antwort… Weil ich mir erst eine entsprechende Konstruktion ausdenken muss… 🙂

  9. Ratilius schreibt:

    „Könntest D… äh
    …ich hätte bitte gern den Zucker“

  10. Inishmore schreibt:

    Vor allem als Kunde will ich wenigstens mit dem „Sie“ vorgetäuscht bekommen, dass man mich ernst nimmt. Als Hobby-Grammatik-Kreuzritter finde ich es darüber hinaus nicht spießig, wenn man zunächst auf dem „Sie“ besteht. Sonst kommt als nächstes wahrscheinlich ein herzhaftes „ey, Alde“.

  11. Daifuku schreibt:

    was ist denn ein dehnungs-s??

  12. Miss Sophie schreibt:

    Hoppla, ich meinte sowas wie Fugen-S. Man sieht, daß ich das alles nicht so genau nehme…

  13. Thomas schreibt:

    Ich frage mich jetzt endgültig, ob es überhaupt irgendwelche Freunde des „Du“ gibt, denn im Grunde höre ich wenn es um das Thema geht nur immer Freunde des „Sie“. Zu denen ich letztlich auch zähle. Was ich besonders hasse, ja, durchaus die richtige Wortwahl, ist so ein pauschales „Du“ z.B. als Bestandteil der Unternehmenskultur. Oder ein ehemaliger Dozent von mir, der sich am ersten Tag vor uns stellte und sagte: „Ich bin übrigens der Max!“ Er sah dann schon etwas beleidigt aus, als ich ihn bei einer späteren Unterhaltung bei der Vorstellung nicht mal meinen Vornamen nannte und auf dem „Sie“ beharrte. Nicht das es schwer wäre mit mir zum „Du“ zu kommen, ist kein Thema, aber das „Du“ sollte man sich schon gegenseitig und persönlich anbieten, das hat es verdient.

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