Filmkritik: Babel

babel_poster.jpgInhalt: Drei Schauplätze und drei Handlungsstränge verbinden sich, als zwei marokkanische Hirtenburschen mit einem Gewehr rumfuchteln und auf einen Touristenbus schießen. Die unüberlegte Tat hat weitreichende Folgen: Die angeschossene amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) droht zu verbluten. Ihr Mann Richard (Bard Pitt) setzt alle Hebel in Bewegung, um sie aus der Einöde in ein Krankenhaus transportieren zu können. Doch die Annahme, es hätte sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt, führt zu diplomatischen Verwicklungen.
In San Diego muß das mexikanische Kindermädchen Amelia (Adriana Barazza) unterdessen länger als eigentlich geplant auf die Kinder von Susan und Richard aufpassen. Da sie sich zur Hochzeit ihres Sohnes eigentlich frei nehmen wollte, nimmt sie kurzerhand die Kinder mit nach Mexiko. Doch bei der Rückreise in die Staaten kommt es zu einem Zwischenfall.
Weit entfernt in Tokio sucht die taubstumme Chieko (Rinko Kikuchi) nach Liebe und Zuwendung. Ihre Sehnsucht, die sie nicht in Worte fassen kann, versucht sie durch sexuelle Provokationen auszudrücken. Und so nimmt an drei ganz verschiedenen Orten das Unausweichliche seinen Lauf. Oder wäre es vielleicht gar nicht so unausweichlich gewesen?

Kritik: Als Vorbereitung auf die anstehenden Oscar-Verleihungen wollte ich mir, bei ansonsten ziemlicher Unkenntnis, wenigstens einen der Top-Favoriten noch rechtzeitig zu Gemüte führen. Schon vorab wurde „Babel“ ja z.B. bei den letzten Filmfestspielen in Cannes und auch bei den Golden Globes schon recht großzügig mit Preisen gedacht. Es sei gleich vorweggenommen, daß ich diese Euphorie ob des neuesten Films von Alejandro González Iñárritu nicht ganz teilen kann.

„Babel“ beendet eine Trilogie, die mit „Amores Perros“ und „21 Gramm“ ihren Anfang genommen hatte. Zwar kenne ich den ersten dieser Filme nicht, doch war ich sehr angetan von „21 Gramm“, einem sehr stimmigen und dichten Episodenfilm. An sich bin ich ein Freund von Episodenfilmen, solange sie schlau gemacht sind, d.h. mit vielen subtilen und manchmal vielleicht auch nicht so subtilen Überschneidungen in den einzelnen Plots. Was bei „21 Gramm“ sehr gut gelungen war, will bei „Babel“ einfach nicht so recht glücken. Zu lose laufen die einzelnen Erzählstränge nebeneinander her. Zwar stehen alle in einem kausalen Zusammenhang mit dem Schuß, doch auch dies wirkt zum Teil recht bemüht. So besteht der Zusammenhang zur Handlung in Tokio auf der Plot-Ebene lediglich daraus, daß Chiekos Vater einst sein Jagdgewehr an seinen marokkanischen Führer verschenkte, und dieses später in die Hände der beiden Jungen geriet.

Für sich genommen, hat mir die Tokio-Episode dennoch am besten gefallen, insbesondere Rinko Kikuchis Schauspiel wirkt absolut überzeugend. Ihre Verzweiflung und die unüberbrückbaren Distanzen zwischen ihrer Welt als Taubstummer und dem wilden, lauten Nachtleben Tokios werden sehr beeindruckend dargestellt, während die anderen Figuren nicht ganz greifbar werden. Das titelgebende Thema des Films, die Probleme der Kommunikation in einer Welt, in der einfach zu viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, wurde außerdem hier am deutlichsten aufgenommen. In den anderen beiden Handlungssträngen scheint zum Teil zu viel gewollt und zu wenig gezeigt. Zwar werden zum Teil drastische Bilder gezeigt, doch es gelingt nicht wirklich, Sympathien für die Hauptdarsteller zu entwickeln. Letztendlich scheinen die Thematiken wie die Globalisierung, der Schmetterlingseffekt und die Kommunikationsstörungen der modernen Welt zu mächtig, um in drei Plots ausreichend behandelt zu werden. Bemerkbar macht sich dies auch daran, daß auf einige Klischees anscheinend nicht verzichtet werden konnte.

Soll am Ende gar die Botschaft sein, daß dies alles nicht passiert wäre, wenn jeder fein dort geblieben wäre, wo er herkam? Das wäre zu einfach. Oder doch, daß die einzige Sprache, die alle verstehen, aus menschlichen Gesten wie einem Händedruck besteht? So deutet es vielleicht das überraschend versöhnliche Ende an, doch auch diese Botschaft wäre alles andere als neu. So bleibt ein etwas ungutes und leeres Gefühl zurück und die Meinung, daß hier zum Abschluß der Trilogie doch etwas mehr gewollt als gekonnt wurde.

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12 Antworten zu Filmkritik: Babel

  1. pinkbuddha schreibt:

    Hm, so richtig gut hört sich das ja nicht an. Dann doch lieber „Departed“ die Daumen drücken? Ich glaube, ich werde für alles von Clint Eastwood sein. Dem vertraue ich ungesehen. 😉

  2. Miss Sophie schreibt:

    Meiner Meinung nach hätte nur Rinko Kikuchi einen Oscar verdient. Wobei da eigentlich eine Kategorie wie „Beste Newcomerin“ am geeignetsten wäre und die gibt es ja nicht. Man weiß natürlich nie, wie die Oscar-Menschen ticken, aber ich bin vielleicht auch für Departed. Clint, der coolen Sau, vertraue ich normalerweise auch blind, aber was seine letzten beiden Filme sollen, habe ich auch noch nicht so ganz kapiert. Werd ich mir eher nicht ansehen.

  3. bullion schreibt:

    Hört sich ja leider nicht so toll an. Vielleicht schau ich mir „Babel“ in unserem Dorfkino an, wenn er Wochen nach den Oscars mal hier ankommt. 😉

    Marty drück ich auch die Daumen, doch bei der Acadamy hab ich da so meine Zweifel…

  4. Miss Sophie schreibt:

    Ich bin auch schon tierisch gespannt auf meine eigenen Tipps 😉 Wird wirklich kniffelig werden zum Teil. Aber ich habe schließlich einen Titel zu verteidigen 🙂

  5. pinkbuddha schreibt:

    Ach ja, tippen ist dann ja bestimmt auch wieder angesagt. Aber ich freu mich schon auf die Oscars. Mal sehen, ob ich durch geschicktes Schlafeinteilen wieder durchhalte… Clints Filme würde ich mir auf jeden Fall ganz gern ansehen, aber sie klingen arg patriotisch, muss ich auch sagen…

  6. Ratilius schreibt:

    Babel stand ziemlich weit oben in der „Filme, die ich unbedingt sehen muss“-Liste.

    Der Plot und der Trailer die dramaturgische Handlung und die Vorschau hatten mein Interesse geweckt und jetzt lese ich hier bei dir eine kritische Kritik, naja vielleicht sehe ich ihn mir trotz besseren Wissens an 🙂

  7. Miss Sophie schreibt:

    Man kann da sicher auch geteilter Meinung sein. Interessanterweise sind viele deutsche Kritiken auch nicht so euphorisch wie man angesichts der Auszeichnungen vermuten könnte. Vorher würde ich aber auf jeden Fall noch mal „21 Gramm“ ausleihen, den fand ich echt gut.

  8. pinkbuddha schreibt:

    „21 Gramm“ fand ich aber ziemlich anstrengend. Und auch konstruiert. Mich hat der nicht vom Hocker gerissen.

  9. Miss Sophie schreibt:

    Vielleicht müßte ich den auch noch mal sehen. Das ist so einer dieser Filme, von denen man noch weiß, daß man sie ziemlich gut fand, aber beim besten Willen nicht mehr, warum. Im Vergleich dazu ist „Babel“ dann aber auf jeden Fall oberanstrengend. Oder hammer-mörder-anstrengend, um mit Dieter Bohlen zu sprechen.

  10. pinkbuddha schreibt:

    Ach, jetzt kann ich dich verstehen! 😉 „21 Gramm“ war die ganze Zeit einfach nur tragisch und foreshadow-geschwängert. Aber bei mir ist’s auch schon eine Weile her, dass ich den Film gesehen hab, und ich kenne den geschilderten Effekt…

  11. Inishmore schreibt:

    Ich hatte auch eine bessere Verknüpfung der drei Teile untereinander erwartet, gerade die Japan-Episode wirkte in der Tat aufgepfropft. Echtes Oscar-Material sehe ich in dem Streifen auch nicht wirklich, da hat mir Little Miss Sunshine insgesamt besser gefallen. The Departed habe ich noch nicht gesehen, aber ich glaube, der wird jetzt auch mein Favorit.

  12. Pingback: Oscar-Tipp-Time « Miss Sophies Blog

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