Filmkritik: „Der gute Hirte“

gute-hirte.jpg Inhalt: Yale, 1939: Der Lyrik-Student Edward Wilson (Matt Damon) wird in den Geheimbund „Skull & Bones“ aufgenommen, aus dem bereits viele der mächtigsten Männer der Vereinigten Staaten hervorgegangen sind. So kommt er in den Kontakt zu einflußreichen Geheimdienstmitarbeitern, die in dem intelligenten und vaterlandsliebendem Wilson einen idealen Mitarbeiter erkennen. Er bewährt sich und wird im zweiten Weltkrieg für verschiedene Geheimdienstprojekte im Ausland eingesetzt. Dabei lernt er vor allem eines: Vertraue niemandem! Doch Wilson muß merken, daß sich diese Parole nicht nur auf sein Berufsleben bezieht, sondern daß seine Arbeit auch das ohnehin recht unterkühlte Verhältnis zu seiner Frau Margaret (Angelina Jolie) und zu seinem geliebten Sohn Edward jr. (Austin Williams / Eddie Redmayne) gefährdet. Der Film begleitet Edward vom Beginn des zweiten Weltkrieges bis zur Kuba-Krise 1961, in der ihm ein mysteriöses Tonband und ein unscharfes Foto zugespielt werden, die dokumentieren, wie ein Mann Geheimdienstinformationen ausplaudert. Doch wer ist der Mann auf den Dokumenten?

Kritik: Die zweite Regiearbeit von Robert De Niro (der übrigens ein paar kurze Auftritte im Film hat) wurde von der Kritik sehr gemischt aufgenommen. Sprechen einige Kritiker von einem Meisterwerk, halten andere den „guten Hirten“ für einfach nur viel zu lang und sterbenslangweilig.

Nun ist der Film in der Tat mit 167 Minuten ziemlich lang und ich bin normalweise die erste, die sich über Überlänge beklagt, aber hier war mir eigentlich keine einzige Sekunde langweilig. Was man sicherlich auf keinen Fall tun sollte, ist, mit einer falschen Erwartungshaltung in den Film zu gehen: Zwar geht es um Spionage, doch „der gute Hirte“ ist kein Agenten-Thriller im Stil von James Bond. Es gibt keine Action-Szenen und die Handlung ist zwar durch die verschiedenen Zeitebenen und Rückblenden etwas verschachtelt, aber noch gut nachvollziehbar. Im Übrigen bin ich ja der Meinung, daß ein Spionage-Film, den ich vollkommen kapiere, eigentlich zu durchschaubar ist, aber hier ist das nicht weiter schlimm.

„Der gute Hirte“ ist kein Thriller, sondern ein Drama, das einen Menschen in den Mittelpunkt stellt, der erleben muß, was es bedeutet, wenn er niemandem mehr vertrauen kann. Eigentlich ist er sogar weniger ein modernes Drama, als eine klassische Tragödie, in der der Held von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist (Nebenbei bemerkt: Es gibt ziemlich viel „Chormusik“ in dem Film – und woher kennt der alte Grieche den wiederholten Auftritt eines Chores?) In einer Schlüsselszene, dem Aufnahmeritual bei den „Skull & Bones“, erzählt Edward, vollkommen entkleidet, seinen „Ordensbrüdern“ ein Geheimnis: Wie ihm, als kleiner Junge, von seinem Vater eingeschärft wurde, immer die Wahrheit zu sagen und niemals zu lügen. Kaum verläßt der kleine Edward das Büro des Vaters, erschießt sich dieser, weil er der Illoyalität bezichtigt wurde, wie später herauskommt. Edward entwickelt ein übersteigertes Vertrauen in sein Land, aber keins zu seinen Mitmenschen. Seine Beziehung zu seiner Frau, die er nur aus Pflichtgefühl geheiratet hat, da sie von ihm schwanger war, steht von Anfang an unter keinem guten Stern und später muß er sehen, daß auch sein Sohn ihm entgleitet.

„Der gute Hirte“ ist aber kein Film, der auf die Tränendrüse drückt, sondern vielmehr ein „intellektuelles Drama“, denn die vielschichtigen Beziehungskonstellationen müssen ständig im Auge behalten werden, und immer wieder fragt sich auch der Zuschauer: „Wem kann Edward trauen und wer wird ihn verraten?“ Zusammen mit der wunderschönen Photographie führt das alles zu einem absolut empfehlenswerten Sehvergnügen. Und bitte nicht den Spaß verderben lassen, wenn es von den Reihen hinter einem rübermurmelt: „Boah, ist das langweilig!“ Lieber drei Stunden intelligente Unterhaltung als 90 Minuten Krach und Bumm, sag ich ja immer.

Ach so, einen Wermutstropfen gibt es noch. Die Make-Up-Artists gehören alle gefeuert. Matt Damon sieht 1961 genau so aus wie 1939, mit Ausnahme einer deutlich stärkeren Brille. Das ist einfach nur ärgerlich und sorgt immer wieder für Verwirrung. Vor allem wenn man ihn mit seinem mittlerweile erwachsenen Sohn zusammensieht, und man die beiden eigentlich für Brüder hält, befremdet es immer wieder, wenn der eine den anderen mit „Vater“ anredet. Davon abgesehen: Empfehlenswert und vollkommen zu Unrecht nur in der Art-Direction für einen Oscar nominiert.

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10 Antworten zu Filmkritik: „Der gute Hirte“

  1. bullion schreibt:

    Oh, das hört sich aber gut an. Fein, fein! Ich glaube den werde ich mir auch noch anschauen, so sich die Zeit findet. Schön zu sehen, dass viele erstklassige Schauspieler erfolgreich ins Regiefach gewechelt haben (Eastwood, Clooney und De Niro). Hoffe trotzdem, dass sie die Schauspielerei nicht ganz an den Nagel hängen…

  2. pinkbuddha schreibt:

    Ja, das hört sich wirklich gut an. Der DaVinci-Code war ja auch 167 Minuten lang, und das war mir eindeutig zu lang… Aber auch ich habe lieber 3 Stunden intelligente Unterhaltung als KraWumm. Da stimme ich zu. Da allerdings in diesen Film mal wieder niemand mit mir gehen wird, muss ich noch scharf überlegen, ob ich mir den ansehe. Vielleicht im Original.

  3. Miss Sophie schreibt:

    Man könnte es auch so sagen: Der DaVinci-Code hatte spannende Stellen und dazwischen eben Längen. Dann wird einem lahm. Der gute Hirte hat in dem Sinne keine spannenden Stellen, also auch keine Längen 😉

    Ich denke allerdings, daß der im Kino wesentlich besser wirkt. Die Photographie ist wirklich schön. Auf dem Fernseher könnte ich mir eher vorstellen, daß es irgendwie zäh wirkt.

  4. pinkbuddha schreibt:

    Hey, ich seh grad, dass auch Alec Baldwin mitspielt. Dann muss ich ihn sehen. 😉 Ich werde mir mal das Original gönnen. Versteh ich das oder geht es da viel um Dinge, die nicht im alltäglichen Sprachgebrauch vorkommen?

  5. palando schreibt:

    btw: Mitglied der “Skull & Bones” ist auch ein gewisser Präsident der USA…

  6. Miss Sophie schreibt:

    Alec Baldwin altert im Gegensatz zu Matt Damon (ich verwechsel den übrigens immer mit Ben Affleck wegen Good Will Hunting) auch sehr schön. Ab und zu gibt es so ein paar Anspielungen, das war auf Deutsch schon mitunter schwierig zu deuten. Aber das meiste müßte man mitkriegen.

    Mitglied bei „Skull & Bones“ ist auch John Kerry.

  7. Miss Sophie schreibt:

    @ palando: Kann ich etwas gewinnen, wenn ich sage, wie Titel und Schöpfer Deines Headerbildes lauten?

  8. palando schreibt:

    Sag mir noch zusätzlich, nach wem das Schiff benannt ist, dann bekommst du 100 Punkte.^^

  9. Miss Sophie schreibt:

    Dazu reicht es nicht… Der Maler war sofort da, der Name des Bildes nach ein bißchen Googeln (immerhin mal live in London gesehen) und zur Benamung spuckt Google mir jetzt nur aus, daß die zweite Temeraire nach der ersten Temeraire benannt wurde. Das‘ mal kreativ! 2005 wurde es übrigens zum beliebtesten Bild aller britischen Galerien gewählt. Turner ist aber eigentlich immer ein Bringer. Bis auf die ganz späten extrem verschwiemelten, meiner Meinung nach. Obwohl auch die was haben.

  10. palando schreibt:

    Dann ein Tip: Das erste Schiff war eine französische Prise und in einer bestimmten Gegend Frankreichs erinnert man sich auch heute noch an Charles le Téméraire.

    Zu den „verschwiemelten“ Bildern: Ich kann schon verstehen, warum die damals gerade
    The Morning after the Deluge geklaut haben.

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