Buchkritik: „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk

fleisch.jpgInhalt: Das Leben meint es nicht mit jedem gut und vor allem nicht mit Heinz Strunk. Geboren und aufgewachsen in Harburg, auf der falschen Elbseite also, fehlt ihm in ziemlich jeder Hinsicht die Perspektive: Bei den Mädels verhindert eine fiese Extrem-Akne jegliche nähere Kontaktaufnahme und in puncto Berufswahl ist Heinz auch ziemlich unentschlossen. Ein Anruf von einem Musikladenbesitzer aus Lüneburg, der einen Saxophonspieler für seine Tanzband sucht, bietet immerhin Aussicht auf ein paar schnell verdiente Märker (wir schreiben das Jahr 1985). Heinz bleibt bei der Truppe um den Chef „Gurki“ hängen und verdient die nächsten 12 Jahre als „Mucker“ seine Brötchen. Besoffene Schützenbrüder, die voll auf Westernhagen abgehen, Gaststars wie Fips Asmussen und Mädels, die von perfekter Saxophonbedienung weit weniger beeindruckt sind als anfangs gedacht, sind von nun an seine ständigen Begleiter.

Kritik: Wenn Filme, Bücher oder Serien in der Gegend spielen, in der so ungefähr meine Heimat ist, haben sie es eigentlich per se leicht, mein Herz zu erobern. Die Gegend um Harburg, Lüneburg und Winsen zähle ich mal grob dazu und außerdem kenne ich ja das Leben in den etwas provinziellen Teilen von Hamburg an sich ziemlich gut. Dazu kommen noch meine eigenen, äußerst schmerzlichen Erfahrungen mit Tanzbands und Alleinunterhaltern – der Wiedererkennungseffekt ist einfach riesig in diesem Buch! Das geht soweit, daß mir sogar alle der gelegentlich eingestreuten Schlagertexte bekannt vorkamen. Entweder von langen Autofahrten mit meinen Eltern, auf denen immer „Welle Nord“ gehört wurde, oder von diversen Familienfeiern, denn auf dem Dorf gilt „Ein Alleinunterhalter ist mehr wert als zehn DJ’s zusammen.“ Platten auflegen kann ja schließlich jeder, daher leistet sich jeder Dörfler, der etwas auf sich hält, einen „Mucker“ für seine Feierlichkeiten.

Was bei mir nur eine fiese Erinnerung an früher ist – für Heinz Strunk ist es ein einziges Trauma. Im rosafarbenen „Pink-Panther“-Jackett und mit dem ewig gleichen Repertoire vom „Yesterday Man“ bis zum „Carolin-Reiber-Medley“ spielt sich die Band „Tiffanys“ von einem Schützenfest zum nächsten. Das Leben von „Heinzer“ Strunk wäre schon verdammt tragisch – wenn es nicht so komisch wäre. Denn gerade das erklärt wahrscheinlich den unglaublichen Erfolg, den das Erstlingswerk für sich verbuchen konnte: Mit messerscharfer Beobachtungsgabe und vor allem viel Lakonie erzählt Strunk von seinen Erlebnissen, so daß man zwar oftmals lauthals loslachen muß, aber andererseits auch die eigentliche Tragik der in vieler Hinsicht gescheiterten Figuren stets durchschimmert.

Schonungslos, aber schön formuliert sind Strunks Erinnerungen:

„Weiber waren leider totale Fehlanzeige, denn Tanzmucker bewegten sich mit ihrem Sozialprestige ungefähr auf dem Niveau von Aushilfskellnern. Man wurde nicht als Musiker wahrgenommen, sondern als ganz armes Würstchen, das auf der Bühne herumhampeln muss, damit es finanziell irgendwie reicht. Hinzu kam, dass keiner von uns auch nur im Entferntesten attraktiv war. Linkische Käuze, die aus groben Gesichtern in Unendliche starrten, picklige Harlekine im Clownsgewand, uncool und ohne einen Hauch von Charme.“

Und zwischendurch blitzen auch immer einige wirklich gute Einsichten durch. Meine liebste?

Es sind oft schon Kleinigkeiten, die Menschen als Idioten ausweisen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Einfach kaufen, lesen, freuen, ein bißchen traurig sein, wieder freuen. Im Übrigen darf man sich auf die Verfilmung freuen, die anscheinend gerade in der Post-Production ist.

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6 Antworten zu Buchkritik: „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk

  1. Dr. T. Le Vision schreibt:

    Klingt gut. Tragikomik ist ja sowieso DAS Thema gerade… wenigstens bei mir. 😉 Da kann man wohl mal investieren.

    Erst beim Dorffest am Wochenende war ich wieder entsetzt, dass man beim Kinderfest immer noch dieselben Schlager spielte wie zu meiner eigenen Kindheit (Stichwort: Nicki „Wenn i mit di danz“…) Ganz übel.

  2. Miss Sophie schreibt:

    Und Nicki kommt auch in dem Buch vor! Der eine Band-Typ muß dann immer ganz fies die Stimme verstellen, um die Tonlage zu treffen 🙂
    Ich seh gerade, daß es auch viele andere Blogger gibt, die seeeehr traurig sind, daß Pandora uns jetzt blockt. Das tröstet ein gaaanz kleines bißchen.

  3. Dr. T. Le Vision schreibt:

    Tja, Nicki gehört zur Provinz wie die Faust aufs Auge. Oder so. Man versteht ja auch, dass in den 80ern über Nicki geschrieben wird, aber dass es heute immer noch gespielt wird?! Oje…

    Ich hab die „empathische“ Mail auch gerade mal kundgetan. Das Lesen der Mail macht bestimmt sogar Leute betroffen, die Pandora überhaupt nicht nutzen!

  4. fernseherin schreibt:

    Das erinnert mich daran, dass ich gestern (?) mal vormittags bei Frauentausch reingeguckt habe. Da gibt es immer noch Menschen, die sich ihr Leben lang von Kartoffeln und Fleisch ernähren und in tiefste Depression verfallen, wenn es mal was anderes (grün, igitt) gibt. Da wundert mich das mit Nicki auch nicht mehr.
    Obwohl, als hier neulich mal ein wichtiges Fußballspiel war, wogte von irgendwo eine DJ-Ötzi-Brise zu mir herüber, das ist auch nicht viel besser).

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