Filmkritik: „2 Tage Paris“

2_tage_paris_plakat.jpg Inhalt: Zwei Jahre sind Marion (Julie Delpy) und Jack (Adam Goldberg) schon zusammen, als das New Yorker Pärchen seinen ersten gemeinsamen Urlaub in die alte Welt unternimmt. Superromantisch soll es natürlich werden, ein Besuch in Venedig steht auf dem Programm und auf dem Rückweg wird ein Abstecher nach Paris unternommen um die Eltern von Marion zu besuchen, die dort geboren wurde. Marions Eltern, etwas verlebte Alt-68er, entpuppen sich als, gelinde gesagt, etwas anstrengend. Für Jack kommt außerdem noch hinzu, daß er kein Wort französisch spricht – und außer seiner Freundin auch keiner Lust hat, mit ihm auf englisch zu parlieren. Ohnehin ist Jack davon überzeugt, im Zentrum des internationalen Terrorismus angelangt zu sein – und seit wann ist in Entwicklungsländern wir Frankreich denn bitte Kodein apothekenpflichtig? Obwohl man den beiden bestimmt nicht vorwerfen kann, zuwenig miteinander zu reden, treten unter dem Einfluß der ungewohnten Umgebung auch einige Risse in ihrer Beziehung zu tage und umringt von lauter agressiv flirtenden Parisern wird Jack langsam mißtrauisch, ob Marion ihm nicht etwas verheimlicht.

Kritik: Ich glaube, ich bin ein bißchen zu jung, um Julie Delpy so richtig cool zu finden. Anscheinend ist sie so eine Art Kultschauspielerin für Leutchen, die ein Tickchen älter sind als meine Wenigkeit. Tatsächlich habe ich noch nicht einmal den Grund für den ganzen Kult, nämlich „Before Sunrise“, gesehen. Nach allem, was man so hört, war Mademoiselle Delpy aber bislang nicht unbedingt berühmt dafür, umwerfend komisch zu sein.

Trotzdem ist ihr, diesmal in einer Doppelrolle als Hauptdarstellerin und Regisseurin, ein umwerfend komischer Film gelungen. Die ganze Art des Humors, der schnelle, pointierte Wortwitz, erinnert ziemlich an Woody Allen – Jack und Marion sind auf jeden Fall hundertprozentige Stadtneurotiker und es macht richtig Spaß ihnen bei ihren Wortduellen zuzuhören. Die Stimmung im Kino war ziemlich am Brodeln und durch heftiges Kopf-in-den-Nacken-werfen-vor-Lachen entgingen mir zum Teil leider die Untertitel. Könnte man perfekt französisch, wäre der Film vielleicht noch ein Tickchen lustiger, aber durch eine Übersetzung würden auch viele Scherze verlorengehen, die gerade daraus resultieren, daß Jack keine Ahnung hat, was um ihn herum (meistens über ihn) geredet wird.

Ähnlich wie bei Allen-Filmen hat auch „2 Tage Paris“ eine sehr persönliche Note. Man hat das Gefühl, daß die Schauspieler sehr viel von ihrer eigenen Persönlichkeit mit in den Film einbringen. Insbesondere bei Julie Delpy macht sich das bemerkbar. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, daß Delpys richtige Eltern ihre Filmeltern spielen.

Im Gegensatz zu Woody Allen geht es in „2 Tage in Paris“ ein bißchen mehr ans Eingemachte – sprich: Es wird auch recht freimütig über Sex gesprochen. Zum Glück aber auf so charmante und unverkrampfte Weise, daß statt verschämten Kiechern auch in diesen Szenen lauthals gelacht werden konnte. Einziger Wermutstropfen: Der Auftritt von Daniel Brühl. Auf dem Plakat noch in dicken Lettern angekündigt, denkt man vielleicht nach 30 Minuten Brühl-loser-Zeit im Kinosessel: „Ja, wo isser denn?“ Erst kurz vor Schluß taucht er in einer vollkommen überflüssigen Rolle auf, so daß man irgendwie mutmaßt, die gute Julie hat ihm mal irgendwann irgendwie deutlich angeheitert eine Rolle in ihrem nächsten Film versprochen. Bei nächsten Mal weniger trinken, dann sind wir auf die nächsten Filme von Julie Delpy definitiv gespannt.

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6 Antworten zu Filmkritik: „2 Tage Paris“

  1. bullion schreibt:

    Hört sich definitiv interessant an. Hab mir den Film von Frau Delpy auch schon einmal vorgemerkt, da ich „Before Sunrise“ wirklich genial fand. Anonsten kenne ich sie nur aus dem Tarantino-Ableger „Killing Zoe“. Die Geschichte von „2 Tage Paris“ hört sich genauso an, wie ich mir einen Film von ihr vorgestellt hätte. Zudem Paris. Eine tolle Stadt. Wird wohl in einem halben Jahr die DVD werden… 😉

  2. Dr. T. Le Vision schreibt:

    Den Vergleich mit Woody Allen hab ich irgendwo auch gelesen, das hört sich definitiv interessant an. Obwohl ich solche Filme einen Tick lieber zu Hause sehe, wo viel gesprochen wird. Da kann ich das irgendwie besser aufnehmen als im vollen Kino.

  3. Soraly schreibt:

    Sehr putziges Filmchen. Allein die schrulligen Eltern und Adam Goldberg mit seinem Teddybär-Image, dafür gen Ende leicht ausgelutscht.

  4. loewenzahn schreibt:

    Bin ich so viel älter als du? Ich gehöre nämlich zu denen, die Julie Delpy wirklich naja, vergöttern wäre zuviel, mögen zuwenig…irgendwas dazwischen 😀 Die war schon in Killing Zoe toll.
    Film klingt gut, werd ich mir bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen…

  5. Miss Sophie schreibt:

    Nein, hier ist keiner viel älter als ich 😉 Ich hab das wohl irgendwie an mir vorüberziehen lassen. Aber mir ist nie aufgefallen, daß der Film im Kino lief (Nachtrag: Laut imdb war das 1995, da war ich vierzehn. Und noch nicht so auf romantisch-tragisch-philosophische Filme ausgerichtet.) Ich werde das aber mal nachholen, falls der wieder im TV läuft.

  6. fernseherin schreibt:

    An „Before Sunrise“ habe ich gemischte Erinnerungen. Der Film war schon toll, aber ich habe den damals für umgerechnet ca. 20 Märker in einem Londoner Kino gesehen, noch dazu am Samstagnachmittag. Ich weiß nicht, wie hoch der normaler Kinoeintritt damals war, ich schätze, in D lag er so um die 10 DM, und ich war davor auch in London schon billiger im Kino gewesen.

    Und als ich mich im fast leeren Kino nicht auf meinen rechtmäßig erworbenen Platz gesetzt habe, kam gleich so ein Gorilla im Anzug, um mich zurechtzuweisen. Ich dachte, gleich ruft er die Polizei. Gruselig.

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