Brückenbau

Ein Kategorie, die ich in der Zeitschrift „Neon“ sehr gerne mag, ist „Das erste Mal“. Die Kolumnistin beschreibt da immer, wie sie das erste Mal irgendwelche Sachen macht, von denen sie früher immer dachte, man würde das erst tun, wenn man schon total erwachsen ist. Oder einfach nur total alt. Heute hatte ich auch mal so einen Moment.

Es ging also problemlos zum Zahnarzt mit der Bahn, Zahnarzt kommt rein und erklärt mir erstmal, daß es in der Praxis ein paar Veränderungen gegeben hätte und daß er eine neue Kollegin hätte. Es wäre schön, wenn sie sich an meinem Gebiß ein bißchen austoben könnte, natürlich nur, wenn ich nichts dagegen hätte. Sie wäre auch so ungefähr in meinem Alter, da wäre ja auch das ästhetische Empfinden gleich und so, jedenfalls würde sie sich bestimmt ganz viel Mühe geben. Na gut, ich bin ja nicht so, und also war es das erste Mal, daß ärztliche Handlungen an mit durchgeführt wurden von einer jungen Dame, die nicht viel älter war als ich. Vielleicht war die sogar jünger. Und dabei wurde mir schon ein bißchen mulmig, gebe ich gerne zu. Ihr fehlte noch so ein bißchen dieses forsch-fröhliche Zahnarztauftreten, z.B. die obligatorische Patschepfote zur Begrüßung. Ärzte sollten immer per Handschlag grüßen, sie waschen sich ja schließlich oft genug die Hände. Nehme ich jedenfalls an. Ansonsten kicherte sich ein bißchen, was etwas irritiert. Wenn jemand in der Mundhühle rumbastelt und dabei kichert, was heißt das dann: „Hihi, was lustige Zahnformation da drüben“ oder eher „Hoppla, da bin ich aber ein büschen abgerutscht. Na, fällt gar nicht auf.“? Egal, sie machte ihr Handwerk gut, das Provisorium sitzt und sieht auch schon mal toll aus.

Man kommt so ins Grübeln, wenn man so kompetent verarztet wird von ca. Gleichaltrigen. Stellen wir uns mal vor, das Schicksal hätte es so gewollt, daß meine Zahnärztin und ich durch einen Kurzschluß im Bohrer oder so frühzeitig ins Jenseits befördert worden wären. Dann hätten wir da an der Himmelspforte gestanden, sie und ich, und wer auch immer da auf uns gewartet hätte, sie hätte ihm erzählt, wie vielen Menschen sie schon geholfen hätte, bei pochenden Schmerzen und eitrigen Wurzeln und wieviel Menschen jetzt viel hübscher lächeln. Da ist doch ein Sonnenplätzchen auf der nächsten Wolke reserviert. Und meine Wenigkeit? Lassen wir es.

Egal, es ging dann gerade noch rechtzeitig zur Bahn, wo der totale Tiefpunkt des Tages auf mich wartete. Die Bahn bestand aus zwei Waggons, ich stieg in den hinteren ein, zückte natürlich als erstes mein Handy, um mich zum Mittagessen zu verabreden und wunderte mich noch, warum der Lokführer gerade den Motor ausgestellt hatte und einmal durch die Bahn lief. Ach, egal, wird schon. Äh, da meldete sich das Pärchen vor mir, ob ich nach Göttingen wolle? Ja, schon. Dieses Ende des Zuges fahre nach Northeim. Wie in einem extrem schlechten Film rannte ich nach vorne – nur um dem Göttinger Ende beim Abfahren zuzuschauen. Der Schaffner, der durch den Zug gelaufen war, hatte übrigens gefragt, ob wirklich alle nach Northeim wollten. Ich war ja mit Telefonieren beschäftigt… Überflüssig zu sagen, daß sowohl draußen am Zug als auch drinnen in der Anzeige deutlich „Northeim (Han)“ zu lesen war.

Nun ist Northeim selber auch nur 19 Kilometer von Göttingen entfernt. Und immerhin habe ich mir noch blitzschnell und geistesgegenwärtig in Northeim ein Ticket für den nächsten IC nach Göttingen besorgt, so daß ich es gerade noch in die Mensa schaffte, wo es Hähnchen Crossies gab. Es sind die kleinen Erfolgserlebnisse inmitten der ständigen Niederlagen, die uns am Leben erhalten.

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7 Antworten zu Brückenbau

  1. Thomas schreibt:

    Ja, man muss der „Jugend“ eine Chance geben, an irgendjemand muss man ja seine Praxiserfahrungen sammeln, nicht wahr? 😉 Aber im Falle des Falles hättest du es an der Himmelspforte ja so darstellen können, dass es auch ein wenig ihre Schuld war, das ihr beide so frühzeitig anklopft. Dann hätte sich da auch bestimmt was mit der Wolkenwahl machen lassen.

  2. Miss Sophie schreibt:

    Ich würde natürlich um ein hübsches Wölkchen kämpfen bis zum letzten. Und da hätte ich garantiert auch das Gekichere zur Sprache gebracht! 😉

    Sie hat so erwähnt, daß sich die „Zahnis“ wohl gegenseitig verarzten zwecks Übung. Frag mich aber, ob die sich da einfach so zum Spaß kerngesunde Zähne rausreißen und Plastikersatz einbauen. Wohl eher nicht. Bestimmt bringen die immer Kekse und Süßkrams in die Vorlesungen mit und verteilen das Zeug, um möglichst viele Opfer heranzuzüchten.

  3. Dr. T. Le Vision schreibt:

    Als Zahnarzt hat man bestimmt sowieso eine sadistische Ader… 😉 Da sind Kekse und Süßkram für die eigenen Karrierechancen doch nur logisch.

    Trotzdem hätte ich mich nicht so ganz wohlgefühlt mit der gleichaltrigen Zahnärztin und ich finde das auch etwas schockierend. So alt bin ich doch noch gar nicht… Und doch gibt es schon fertige Zahnärzte in meinem Alter? Ich mag diese Neon-Kolumne nicht so gern.

    Aber solange Hähnchen Crossies noch für Aufheiterung sorgen, kann es ja alles nicht so schlimm gewesen sein… 😉 Und jetzt warst du auch mal in Northeim. Meine Mathelehrerin in der 5. Klasse kam aus Northeim, nur mal am Rande bemerkt.

  4. Miss Sophie schreibt:

    Hähnchen Crossies bringen einen immer nach vorne. Ganz weit. War das denn auch das gleiche Northeim wie meines? Es gibt da wohl ziemlich viele von.

  5. Ratilius schreibt:

    Zahnärzte haben meist einen eher weichen Händedruck im Vergleich zu den Hausärzten – allerdings ist meine Datenlage eher dünn.
    Diese „Sinnlosen Fakten“ finde ich in der Neon recht stark.

  6. bullion schreibt:

    Das erinnert mich daran, dass ich auch bald zum Zahnarzt muss und mich wohl auch wieder eine bin-schon-fast-richtige-Zahnärztin Zahnärztin erwarten wird… aber nun gut. Kann dein banges Gefühl auf jeden Fall verstehen.

  7. fernseherin schreibt:

    Komisch, über sowas habe ich mir neulich auch wieder Gedanken gemacht. Ich hatte beerdigungstechnisch etwas mit einem Pfarrer zu tun, der mir auch viel zu jugendlich vorkam und dann noch an derselben Uni studiert hat wie ich. Bei mir fängt dieses komische Gefühl aber oft schon an, wenn jemand nicht mindestens mein natürlicher Vater/Mutter sein könnte. 😉

    Ich weiß noch, dass ich es damals sehr schockierend fand, als Gwyneth Paltrow den Oscar bekommen hat. Die ist nämlich genauso alt wie ich. Naja, wenigstens ging sie nicht in meine Klasse.

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