Filmkritik: „Die Welle“

welle.jpg Inhalt: Auf das Projektwochen-Thema „Autokratie“ hat der Lederjacken-Duz-Pädagoge Rainer Wenger (Jürgen Vogel) eigentlich herzlich wenig Lust. „Anarchie“ hätte ihm doch viel besser gelegen… Eine Bemerkung seiner Schüler, daß er nun bloß nicht wieder mit dem Dritte-Reich-Kram kommen solle, schließlich hätte man ja aus der Vergangenheit gelernt, bringt ihn aber auf die Idee, ein kleines Experiment zu starten. Bisher eher für lockere Umgangsformen bekannt führt er plötzlich Zucht und Ordnung im Klassenzimmer ein. Einige Schüler schreckt das ab, andere blühen dadurch jedoch richtiggehend auf. Durch besondere Kleidung, ein Logo und einen eigenen Gruß versuchen die Kursteilnehmer immer mehr, sich von den anderen Schülern abzugrenzen. Die Gruppe entwickelt eine Eigendynamik, die das kleine Experiment bald völlig aus dem Ruder laufen läßt.

Kritik: „Die Welle“ dürfte ja mittlerweile genau so Pflichtlektüre an deutschen Schulen sein wie Goethes „Faust“. Ich selber erinner mich noch ganz gut an das schicke hellblaue Büchlein und den nach der Lektüre obligatorischen Gang in den stets eklig müffelnden Medienraum meiner alten Lehranstalt. Damals gab’s die amerikanische TV-Fassung der auf einer wahren Begebenheit beruhenden Story. Und jetzt also das ganze in deutsch mit Jürgen Vogel.

Schon nach wenigen Minuten bekommt man das Gefühl, daß sich die Macher sehr wohl bewußt waren, ganze Schulklassen (samt Deutschlehrer natürlich) in die Kinosäle zu locken. Da ist ein bißchen Hip-Hop-Gewummere zur Einstimmung wahrscheinlich „Standard“, wie es so schön heißt. Überhaupt lernt man als nicht-mehr-Pubertierender so einiges an neuen Ausdrücken. Oder, daß man immer noch „Spacken“ sagt, z.B. „die Spacken von der Ernst-Barlach-Gesamtschule“. Beruhigend.

Natürlich sind die Jugendlichen von heute um einiges härter drauf als in dem beschaulichen Fernsehfilm von 1981. Aber trotzdem scheinen sie uns bekannt zu sein, die überorganisierte und -engagierte Einserschülerinnen, ihr untergebutterter Freund, die problemorientierte Dreadlockträgerin, das pummelige Mauerblümchen, der Türke mit der großen Klappe – und der ewige Dorftrottel. Die klare Verteilung dieser Rollen, die im Verlauf des Films überhaupt nicht aufgebrochen werden, ist einem so engagierten Filmprojekt eigentlich nicht angemessen. Lediglich Jürgen Vogel, der eigentlich extrem antiautoritär drauf ist, darf ein wenig Zwiespalt aufkommen lassen, als ihm seine „Führerrolle“ auch ein wenig zu gefallen beginnt.

Alle anderen Schüler verhalten sich mehr oder weniger so, wie man das von vornherein erwarten könnte: Die bisher unscheinbaren Schüler fühlen sich in der neuen Gemeinschaft wohl, vor allem der etwas zurückgebliebene Stoltefuß, der plötzlich von denen beschützt wird, die ihn bisher bestenfalls links liegen gelassen haben. Die ehrgeizige Caroline weigert sich dagegen schnell, bei der Bewegung mitzumachen, was ihr von ihren Mitschülern als Egoismus angekreidet wird. Wahrscheinlich bietet das für heutige Schüler ja sogar Identifikationspotenzial – und auch der Schule entwachsen kommt man nicht ganz umhin, an der ein oder anderen Stelle etwas zu denken wie „Stimmt, so eine hatten wir damals auch!“

Man will nicht unbedingt bestreiten, daß ein solches Experiment an einem deutschen Gymnasium immer noch genau so ablaufen könnte – neue Einsichten gewinnt man durch die Verfilmung allerdings auch nicht. Bei den Deutschlehrern wird bundesweit die DVD irgendwann die abgenudelte VHS-Kassette ersetzen, um die Verkaufszahlen braucht man sich also schon mal keine Sorgen zu machen. Richtig großes Kino ist das allerdings dadurch noch nicht. Lediglich das Ende setzt (im Gegensatz zum Buch, soweit ich mich erinnern kann) dann doch noch einen kleinen Klacks drauf. Und dank Jürgen Vogel ist das Geld in die Kinokarte auch nicht vollkommen schlecht investiert.

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13 Antworten zu Filmkritik: „Die Welle“

  1. bullion schreibt:

    Den Film will ich auch noch unbedingt im Kino sehen. Dabei kenne ich das Buch nichtmal. Dafür aber „Faust“. Wie auch immer: Ich erhoffe mir einen Film, der in die Richtung wie Hirschbiegels „Das Experiment“ geht. Kann man die vergleichen (falls du den auch kennst)?

    Aber wie ich so lese lohnt sich der Film allein schon für Vogel-Freunde… 😉

  2. Miss Sophie schreibt:

    Ich hab zwar „Das Experiment“ noch nie gesehen, aber das dürfte in die gleiche Richtung gehen. Ist halt auch eher ein Film über Gruppendynamik als jetzt direkt über Nazis und so.
    Wie jetzt, nicht in der Schule gelesen? Wohl zu alt? 😉

  3. bullion schreibt:

    Zu alt?! 😀

    In welchem Alter/welcher Klassenstufe liest man die denn? Soo alt komme ich mir noch gar nicht vor… 😉

  4. Miss Sophie schreibt:

    Hmm, so in der neunten vielleicht? Ich kann mich aber auch nicht mehr so richtig erinnern. Meine Schulzeit verschwimmt sowieso mehr und mehr zu einem Klumpen, an dem die Ausgabe der Abiturzeugnisse nur einen Tag hinter der Einschulung stattzufinden scheint…

  5. Ratilius schreibt:

    Gute Zusammenfassung und trotz der kritischen Einwürfe, werde ich mich eines Tages auf den Weg ins Kino machen.

    Ich habe die Welle auch nicht gelesen – auf einer Cocktailparty hätte ich mich mit den Standardsatz: „Das Buch ist besser als der Film, verliert in der Übersetzung gegenüber dem Original aber deutlich an Boden.“ durchgemogelt 🙂

  6. Miss Sophie schreibt:

    Hmm, vielleicht ist der Hamburger Lehrplan doch anders als im Rest der Welt. Oder ich hab das wirklich freiwillig gelesen. Kann aber eigentlich nicht sein 😉

  7. bullion schreibt:

    Hmm in der neunten… was habe ich da gelesen? Ich glaube „Der Besuch der alten Dame“. Zumindest „Das Parfüm“ in der elften war aktueller, da kann ich noch gar nicht so alt sein… 😉

  8. Miss Sophie schreibt:

    Die „alte Dame“ wird im Film aber auch „gefeatured“, wie man so schön sagt. Kamen gute Erinnerungen hoch an die armen Deppen, die den Baum spielen mußten. Ich war ja immer zufällig in dem DarSpi-Kurs, der keine Aufführung hinbekommen hat. 😉

  9. Dr. T. Le Vision schreibt:

    Die Welle habe ich in der Schulzeit auch nicht gelesen, allerdings war das bei uns auf der Schule auch so, dass sogar die anderen Klassen andere Bücher gelesen haben, also scheint es da (oder schien es da) keinen verbindlichen Lehrplan zu geben. Jetzt, wo der Film in aller Munde ist, habe ich mir aber eigentlich vorgenommen, das Buch mal zu lesen. Mal sehen, ob ich das auch schaffe. „Das Experiment“ fand ich ganz schön mitreißend, aber deine Kritik klingt ja eher nicht so überragend. Ich wollte mir den Film aber sowieso lieber irgendwann ansehen, wenn er im Fernsehen läuft. Ich denke, das reicht auch noch, deine Kritik hat meine Entscheidung gefestigt. 🙂

    @Ratilius: Super Satz, den werd ich mir aneignen. 😉

  10. Miss Sophie schreibt:

    Ob man das Buch nun so unbedingt empfehlen kann, weiß ich auch nicht. Soweit ich mich erinnere, ist das schon ziemlich eindeutig ein Jugendbuch, so von den ganzen Charakterisierungen her und so. Es ging ja auch eher darum, um diese wahren Ereignisse eine lesbare Story zu basteln. Literarisch scheint’s mir nicht ganz der große Wurf zu sein…

  11. Thomas H. schreibt:

    Bevor ich mir den Film ansehe, lese ich jetzt gerade noch einmal das Buch. Literarisch eindeutig kein grosser Wurf, und die Figuren sind recht einfach gezimmert. Wichtig ist aber eben die Handlung. Daher ist das Buch auch empfehlenswert.

  12. raphi4404 schreibt:

    Ich habe den Film heute mit der Schule im Kino gesehen.
    Der Film ist ein wahnsinn!
    Der Vogel gibt den Film einfach etwas unglaubliches.
    Unbeschreiblich!!
    Mir gefiel der Film sehr gut.
    Man kann richtig erkennen, wie die anfangs noch kleine Gruppe jeden Tag mehr zusammenwächst.
    Der Schluss ist etwas „brutal“.

    Der Film ist den Machern sehr gut gelungen!

  13. matzer schreibt:

    klasse film hab ihn gestern mit meinen freunden angeschaut. Bin echt fasziniert, da es mich und meine freunde total mitgenommen hat. Nach dem film brauchten wir ne gute halbe stunde um wieder ein anderes gesprächsthema zu finden und das ist ziemlich außergewöhnlich für uns! Bin mit relativ kleinen erwartungen rein und als total überzeugter kinobesucher wieder raus gekommen.

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