Ein Küßchen fürs Liesel

Am letzten Freitag war es soweit: Nach vier Jahren Geschreibsel an der Doktorarbeit, Abgabe derselben, zwei Vorträgen darüber und einer mündlichen Prüfung stand die ultimativ-letzte Prüfung vor dem Empfang des Doktortitels bevor: Das Küßchen für das Gänseliesel. Aber fangen wir von vorne an.

Zunächst hatten sich 101 Doktoren in spe samt Anhängen in der Aula am Wilhelmsplatz versammelt, die ja bekanntlich die gute Stube der Georgia-Augusta ist. Stuck und Blattgold, klassizistisch verbastelt, ließen schnell feierliche Stimmung aufkommen, wobei die Aula aufgrund von Umbaumaßnahmen ein klein wenig Charme und vor allem Verwandtenfassungsvermögen einbüßte. Aber für die Mathematiker waren zum Glück Plätze in der ersten Reihe reserviert, so soll es sein!

Feierliches Gefiedel zum Auftakt und danach eine Ansprache vom Präsidenten himself – die Uni ließ sich nicht lumpen! Es ging in der Rede natürlich darum, daß die Uni Göttingen einfach super ist, aber das wußten wir ja schon. Weiter ging’s mit der Ansprache einer Dekanin, die auch etwas Mama-Papa-Oma-Opa-kompatibler war und darauf hinauslief, daß einem mit einem Doktortitel in der Tasche eigentlich nichts Schlimmes mehr passieren kann. Praktisch für die Doktoren, denn so war man für die Frage: „Wozu brauchst Du das jetzt eigentlich?“ schon mal bestens gerüstet. Langsam steuerte es auf den Hauptteil zu, nacheinander wurde man in Kleingrüppchen auf die Bühne zitiert, wobei die Mathematiker wieder den Anfang machen durften. Die hochmotivierte Menge klatschte begeistert und hielt tapfer (vielleicht am Schluß nicht mehr ganz so begeistert) bis zur Nummer 101 durch. Ein paar klassische Takte zum Abschluß und wir waren bereit, um uns den Weg nach draußen zu bahnen.

Die Freisprechungstage müssen ein Albtraum für die Göttinger Busfahrer sein, die sich irgendwie einen Weg durch die bunte Menge vor der Aula bahnen müssen – nahezu unmöglich. Auch ich hätte meine noch junge akademische Karriere beinahe unter den Rädern der Linie 7 beendet. Gerade noch mal gerettet, wurde ich mit einem liebevoll gebastelten Doktorhütchen „gekrönt“, das zahlreiche Rückschlüsse über meine außeruniversitären Aktivitäten zuläßt.


Als nächstes ging es zum bunt geschmückten Wägelchen, wobei aufgrund des enormen Outputs unseres Instituts im letzten Quartal ein „Leihwagen“ vom Nachbarinstitut organisiert werden mußte. Also ging’s im Bollerwagen auf große Fahrt. Naja, bis zum Gänseliesel ist es gar nicht mal so weit… Der Marktplatz füllte sich rasend schnell mit dem wütenden Mob der feierwütigen Schar und ich reihte mich erstmal in die Schlange zum Liesel ein. Hierzu muß ich schon anmerken, daß diese Prozedur bei sommerlicheren Temperaturen, weniger Regen und vor allem etwas weniger als einhundert anderen Doktoranden noch ein ganz kleines bißchen mehr Spaß gemacht hätte. Irgendwann war ich dann aber doch an der Reihe (der Doktorhut hatte bis dahin seine Regenschutzqualitäten beeindruckend unter Beweis gestellt) und stellte fest, daß ich mir das alles viel einfacher vorgestellt hatte. Als Mathematiker kennt man dieses Gefühl aber nur zu gut und das Adrenalin half mir dann die letzten Meter. Ein paar Worte der Warnung an die Nachfolgeden:

  • Die Nummer ist im Winter nichts für Nachtblinde (wie  mich). Das Liesel wird gerade mal vom Rathaus ein bißchen befunzelt, den Trittstein in der Mitte des Brunnes kann man eigentlich nur erahnen.
  • Über den Brunnen habe ich mir nie viel Gedanken gemacht, im Winter ist ja das Wasser rausgelassen und ein Stein liegt in der Mitte, auf den man treten kann. Ja, dolle Wurst! Steht man auf dem Steinchen, merkt man, daß das Gänseliesel ca. 60 cm höher liegt, jedenfalls für mich nicht mit einem Schritt zu bewältigen. Also mit dem Po auf das Bassin gesetzt, Beinchen rübergeschwungen und wieder ins Senkrechte gebracht. Blümchen dabei die ganze Zeit in der Schnute.
  • Hat man die Blümchen irgendwo befestigt, stellt man fest, daß das Liesel vielleicht gar nicht geküßt werden will! Warum sonst steht es noch mal in der Mitte eines kleinen inneren Bassins und zwar so, daß man, auf dessen Rand stehend, gar nicht an die Gute rankommt? Egal, hier konnte jetzt keine Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen werden, Zähne hatte ich geputzt, also mußte ich mich dem armen Mädchen an den Hals werfen, festklammern und natürlich küssen. Auf die Wange, versteht sich.
  • Wie ich von dem Ding wieder runtergekommen bin, ist bis heute umstritten, Fakt ist nur, daß ich erst lange danach zahlreiche blaue Flecke an mir entdeckt habe.

Fazit: Das Ganze sieht wesentlich einfacher aus als es ist, jedenfalls für die nicht so sportlichen unter uns. Mein Vorschlag wäre daher, ob man nicht einfach mal Lichtenberg küssen könnte, der steht nämlich nebenan, hat eine praktische Größe, keinen Brunnen um sich rum und würde sich bestimmt mal über etwas Aufmerksamkeit freuen! Das Gänseliesel hat mir ins Öhrchen geflüstert, daß es bei Dienstantritt als Brunnenfigur im Jahre 1901 wohl sowieso was im Kleingedruckten überlesen haben muß, und damit absolut einverstanden wäre.

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4 Antworten zu Ein Küßchen fürs Liesel

  1. bullion schreibt:

    Gratuliere vielmals! Ein Freund von mir hat neulich auch seinen Doktortitel empfangen und ich musste mich da schon über den toll gebastelten Hut wundern – was es nicht alles gibt 🙂

    Schön auch, dass dein Abenteuer so glimpflich verlaufen ist. Hört sich ja fast schon gefährlich an… 😉

  2. Inishmore schreibt:

    Frau Doktor, meinen herzlichen Glückwunsch! Gruß auch an das Gänseliesel, das sich mal nicht so anstellen soll.

  3. Sascha schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch, Sophie!

  4. Ratilius schreibt:

    Gratulation zum Doktor!

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